Kritik an Berichten von Kolleginnen äußern — ohne die Zusammenarbeit zu belasten
Fachliche Zweifel an einem Bericht lassen sich kollegial äußern, wenn vorher klar ist, ob es um Qualität oder um Patientensicherheit geht — und wenn es dafür einen festen Rahmen gibt statt nur das spontane Einzelgespräch.
Worum es geht: wenn ein Bericht fachlich hakt
Die Konstellation ist im interdisziplinären Alltag bekannt: In einer Fallbesprechung, beim Mitlesen eines Verlaufsberichts oder in einer Übergabe fällt auf, dass die Darstellung einer Kollegin oder eines Kollegen fachlich nicht trägt. Die Zielformulierung passt nicht zum beschriebenen Befund, eine für die Weiterbehandlung relevante Beobachtung fehlt, oder zwei Aussagen im selben Bericht widersprechen einander. Bemerkt hat es genau eine Person — und die steht vor der Frage, ob sie es anspricht.
Welche Angaben ein Therapiebericht enthalten muss, ist an anderer Stelle geregelt; die Einordnung dazu steht in unserem Beitrag zu den Pflichtinhalten eines Therapieberichts. Dieser Text behandelt den Schritt danach: das Gespräch.
Warum das Ansprechen so unangenehm ist
Fehlender fester Rahmen für Rückmeldung
Gibt es kein Format, in dem fachliche Rückmeldung ohnehin vorgesehen ist, wird jede Rückmeldung zum Sonderereignis — und bekommt dadurch ein Gewicht, das sie inhaltlich gar nicht hat. Hierarchien können die Kommunikation zwischen Fachpersonen in Gesundheitseinrichtungen erschweren, und auch Zeitdruck kann verhindern, dass Bedenken überhaupt zur Sprache kommen . Das Ansprechen über Berufsgruppen- und Hierarchiegrenzen hinweg gilt deshalb als etwas, das organisiert und geübt werden muss: genannt werden unter anderem die frühe Einführung neuer Kolleg:innen in das Thema, regelmäßiges Training und der Aufbau eines Peer-Support-Systems .
Die Sorge, die Kollegialität zu beschädigen
Das Zögern ist kein Charakterzug, sondern ein beschriebenes Muster. Wenn Mitarbeitende schweigen, ist das oft das Ergebnis eines komplexen Abwägens: Sie fürchten, Kolleg:innen bloßzustellen, gute Arbeitsbeziehungen zu gefährden oder Patient:innen zu verunsichern. Wer das als Abwägung erkennt statt als Unsicherheit, kann die Frage sachlich entscheiden — nämlich entlang der drei folgenden Punkte.
Bevor du sprichst: drei Fragen an dich selbst
Ist es eine fachliche Lücke oder nur ein anderer Blick auf den Fall?
Eine fehlende Information ist etwas anderes als eine abweichende Schwerpunktsetzung. Hilfreich ist ein gemeinsamer Bezugspunkt statt des eigenen Geschmacks: Strukturierte, ICF-gestützte Dokumentationsformate werden ausdrücklich mit dem Ziel entwickelt, den Therapieprozess für Kostenträger, andere beteiligte Professionen und Therapeut:innen selbst nachvollziehbar darzustellen und die interprofessionelle Kommunikation zu erleichtern . Liegt die Lücke gemessen an einer solchen Struktur vor, ist sie benennbar. Liegt sie nur gemessen an deiner eigenen Gewohnheit vor, ist es ein Fachgespräch, keine Kritik.
Betrifft es die eigene oder eine andere Berufsgruppe?
Innerhalb der eigenen Profession kannst du fachlich konkret werden. Bei einer anderen Berufsgruppe ist die Frage das bessere Werkzeug als die Bewertung — wer wofür zuständig ist, ordnet unser Beitrag zur Zusammenarbeit von Ergotherapie und Logopädie ein. Dass Teamarbeit und klare Kommunikation über Professionsgrenzen hinweg eine eigene, lehr- und lernbare Kompetenz sind, ist international als Lerninhalt verankert: Der WHO-Leitfaden zur Patientensicherheit führt Teamwork als eines von elf Themen neben Systemdenken, Lernen aus Fehlern und Qualitätsverbesserung .
Geht es um Qualität oder um Patientensicherheit?
Diese Unterscheidung bestimmt den Weg. „Speak Up“ meint eine verbindliche Kommunikation von Sicherheitsbedenken in Situationen, in denen akuter Handlungsbedarf besteht, um Patient:innen vor Gefahren zu schützen. Eine unscharfe Formulierung im Abschlussbericht fällt nicht darunter — eine fehlende Angabe, die eine Weiterbehandlung in die falsche Richtung lenken kann, sehr wohl.
So sprichst du die Kritik konstruktiv an
Gesprächssätze für den direkten, kollegialen Austausch
Der direkte Weg ist der kürzeste und in den meisten Fällen der richtige. Tragfähig wird er, wenn du bei der Beobachtung bleibst, den Bezug zur Behandlung herstellst und mit einer echten Frage endest.
„Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass … — hast du dazu noch etwas, das nicht im Bericht steht?“
„Ich lese das Ziel so, dass … Zum Befund passt das für mich noch nicht ganz zusammen. Wie meinst du es?“
„Für meine Weiterarbeit fehlt mir … Könntest du das ergänzen?“
Was in diesen Sätzen fehlt, ist Absicht: keine Bewertung der Person, keine Verallgemeinerung auf frühere Berichte, keine dritte Person im Raum.
Wann der Weg über die fachliche Leitung richtig ist
Für die fachliche Leitung sprechen drei Konstellationen: Das Thema betrifft nicht einen Bericht, sondern ein Muster über mehrere; die direkte Rückmeldung hat zweimal nichts verändert; oder die Zuständigkeit zwischen zwei Berufsgruppen ist ungeklärt und lässt sich bilateral nicht klären. Bring den Punkt dann fallbezogen und schriftlich vorbereitet ein — als Frage nach einem gemeinsamen Standard, nicht als Beschwerde über eine Person.
Wenn es um Patientensicherheit geht: schneller, aber sachlich eskalieren
Hier gilt der kurze Weg ohne Umweg. Gemeint ist dabei ausdrücklich das gegenseitige Ansprechen über Berufsgruppen und Hierarchiestufen hinweg, wenn die Sicherheit von Patient:innen gefährdet ist oder gefährdet scheint. Sachlich bleibt das Gespräch, wenn du drei Dinge nennst: was im Bericht steht, welche Konsequenz daraus droht und was du brauchst. Die Aufforderung, Hinweise auf mögliche Fehler offen anzusprechen, ist als Kompetenzziel für Gesundheitsfachberufe formuliert und ausdrücklich nicht an eine Position gebunden (speak up) .
Im Überblick: Welcher Weg passt zu welcher Situation
| Situation | Weg | Beispiel-Formulierung |
|---|---|---|
| Kleine Unschärfe in der Formulierung | Beiläufig, direkt, einmalig | „Magst du da eine Zahl ergänzen?“ |
| Fachliche Lücke mit Behandlungsrelevanz | Zeitnah unter vier Augen | „Für meine Weiterarbeit fehlt mir …“ |
| Wiederkehrendes Muster über mehrere Berichte | Fachliche Leitung, fallbezogen | „Können wir einen gemeinsamen Standard festlegen?“ |
| Akute Sicherheitsrelevanz | Sofort, benannt, ohne Umweg | „Hier sehe ich ein Risiko für … — wir sollten das heute klären.“ |
Ein fester Rahmen entlastet mehr als das Einzelgespräch
Regelmäßiger fachlicher Austausch als Frühwarnsystem statt Konfrontation
Je seltener Qualitätsfragen besprochen werden, desto schwerer wiegt jede einzelne. Ein etabliertes Gegenmittel ist die kollegiale Beratung: eine strukturierte Form der Fallberatung in einer Gruppe von sechs bis acht Fachkräften, die regelmäßig und ohne externe Leitung stattfindet . Der Ablauf folgt festen Phasen — Information, Fokussierung auf eine Fragestellung, Beratung, Lösungsfindung —, und genau diese Struktur hält den Rahmen und führt in begrenzter Zeit zu verwertbaren Ergebnissen.
Die Prozessgestaltung liegt bei der Gruppe selbst, die aus ihrer Mitte eine Moderation bestimmt.
Für die Berichtsqualität heißt das konkret: ein fester Slot, ein anonymisierter Bericht pro Termin, rotierend aus dem ganzen Team. Wer ihn einbringt, formuliert die Frage selbst. Damit wird aus „dein Bericht hat eine Lücke“ ein gemeinsames Nachdenken über Dokumentationsstandards. In der Schweiz führt der Ergotherapie-Verband Schweiz (EVS) Qualitätszirkel entsprechend als reguläres Instrument der Qualitätsförderung neben Qualitätsmanagementsystem, Zielformulierung und Erhebung der Ergebnisqualität (Stand: Oktober 2026) . Wie sich die eigene Fachlichkeit darüber hinaus im Team sichtbar machen lässt, behandelt unser Beitrag zur Anerkennung des Berufsbilds im multiprofessionellen Team.
FAQ
Darf ich den Bericht einer Kollegin korrigieren?
Fremde Dokumentation änderst du nicht. Du sprichst die Verfasserin an und bittest um Ergänzung oder Richtigstellung durch sie selbst.
Was, wenn die Kritik nicht ankommt?
Einmal wiederholen, konkreter und mit Bezug zur Behandlungsfolge. Bleibt es ohne Wirkung und ist der Punkt fachlich relevant, geht er an die fachliche Leitung — sachlich und fallbezogen.
Muss ich das der Praxisleitung melden?
Bei einer einzelnen Unschärfe nicht. Bei einem Muster über mehrere Berichte oder bei Sicherheitsrelevanz ja, weil dann nicht ein Bericht das Thema ist, sondern ein Standard.
Wie spreche ich jemanden aus einer anderen Berufsgruppe an?
Als Frage nach der fachlichen Logik, nicht als Bewertung. Die Zuständigkeit für die fachliche Einschätzung bleibt bei der anderen Profession.
Wie bekommen wir das aus dem Einzelgespräch heraus?
Über ein wiederkehrendes Format mit festem Ablauf und rotierender Fallgabe — so wird Berichtsqualität Routine statt Anlass.
Fazit
Die entscheidende Weichenstellung liegt vor dem ersten Satz: Qualitätsfrage oder Sicherheitsfrage. Qualitätsfragen gehören in einen Rahmen, der ohnehin existiert; Sicherheitsfragen gehören sofort angesprochen. Beides wird leichter, je selbstverständlicher der fachliche Austausch im Team organisiert ist — ein fester Termin nimmt dem Einzelgespräch die Schärfe.
Quellen
- Stiftung Patientensicherheit Schweiz: Speak Up – Sicherheitsbedenken ansprechen sowie Schriftenreihe Nr. 8 „Wenn Schweigen gefährlich ist“. https://patientensicherheit.ch/speak-up/ (abgerufen 10.10.2026)
- Plattform Patientensicherheit (Österreich): Speak Up! https://plattformpatientensicherheit.at/themen-speak-up.php (abgerufen 10.10.2026)
- Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V.: Wege zur Patientensicherheit – Lernzielkatalog für Kompetenzen in der Patientensicherheit, Aktualisierung 2021/22. https://www.aps-ev.de/wp-content/uploads/2024/06/2022_APS_Lernzielkatalog.pdf
- World Health Organization (2011): Patient Safety Curriculum Guide: Multi-professional Edition. Genf. https://iris.who.int/handle/10665/44641
- Deutscher Verband Ergotherapie e. V. (DVE): ETpro – Ergotherapeutische Prozessdokumentation (ICF-gestützt; Tool Version 2.0 von 12/2025, Handbuch Version 11/2024). https://www.dve.info/service/etpro (abgerufen 10.10.2026)
- nifbe e. V.: Kollegiale Fallberatung – eine Methode mit Potenzial (Fachbeitrag inkl. Ablaufschema). https://nifbe.de/fachbeitraege/kollegiale-fallberatung-eine-methode-mit-potenzial/
- Franz, H.-W. & Kopp, R. (Hrsg.) (2010): Kollegiale Fallberatung. State of the Art und organisationale Praxis. 2., korrigierte Auflage, Reihe EHP-Praxis. Bergisch Gladbach: EHP – Edition Humanistische Psychologie, 196 S., ISBN 978-3-89797-023-6 (Erstauflage 2003).
- socialnet Lexikon: Intervision. https://www.socialnet.de/lexikon/Intervision (abgerufen 10.10.2026)
- Ergotherapie-Verband Schweiz (EVS) [Schweiz]: Qualität in der Ergotherapie (Abschnittsübersicht u. a. Qualitätsmanagementsystem, Ziele formulieren, Erhebung Ergebnisqualität, Qualitätszirkel). https://ergotherapie.ch/berufsausuebung/qualitat/ (abgerufen 10.10.2026)