Kontaktieren Sie uns kostenlos 0800-000-1702
Montag - Donnerstag 8-17 Uhr & Freitag 8-15 Uhr
Email info@melius-therapie.de
Zurück zur Fachbereichsübersicht

Anerkennung der Ergotherapie im Team: Wie fachlicher Austausch auf Augenhöhe entsteht

Wenn ergotherapeutische Arbeit von außen auf „Basteln" verkürzt wird, hilft weniger Rechtfertigung als die nachvollziehbare Darstellung des eigenen Clinical Reasoning — im Bericht, im Kurzgespräch, in der Fallbesprechung. Was eine Einzelperson damit erreichen kann, hat allerdings eine Grenze, und genau dort beginnt die Verantwortung der Praxisstruktur.

Wenn Ergotherapie auf „Basteln" reduziert wird: Woran du die fehlende Anerkennung im Alltag erkennst

Die Situation ist bekannt: Eine Therapie wird im Gespräch mit anderen Berufsgruppen als Beschäftigung beschrieben, nicht als Intervention mit Befund, Hypothese und Ziel. Sie zeigt sich selten als offene Abwertung, eher an Details im Ablauf:

  • Verordnungen mit allgemeiner Diagnose, ohne erkennbare Fragestellung an die Ergotherapie
  • Rückfragen wie „was macht ihr da eigentlich genau" nach Monaten paralleler Behandlung
  • Fallbesprechungen, zu denen Pflege, Physiotherapie und ärztlicher Dienst zusammenkommen, die Ergotherapie aber nicht eingeplant ist
  • Arzt- oder Entlassbriefe, in denen die ergotherapeutische Einschätzung nicht auftaucht, obwohl ein Bericht vorlag
  • Therapieziele, die ohne Rücksprache gesetzt oder geändert werden

Diese Punkte sind kein Urteil über einzelne Personen. Sie sind Hinweise darauf, dass die fachliche Leistung an der Schnittstelle nicht ankommt — und dort lässt sich ansetzen. Den breiteren Blick auf fehlende Wertschätzung im Alltag findest du in unserem Beitrag zur fehlenden Wertschätzung im Praxisalltag.

Warum das Berufsbild oft missverstanden wird

Zwei Gründe liegen nahe und keiner davon ist persönlich gemeint.

Erstens der Begriff. Die historische Bezeichnung „Beschäftigungstherapie" ist in Lehrbuchtiteln und im Sprachgebrauch weiterhin präsent — mit ihr die Vorstellung, es gehe um Tätigkeit an sich. Die internationale Definition beschreibt etwas anderes: Ergotherapie fördert Gesundheit und Wohlbefinden, indem sie Teilhabe an bedeutungsvollen Betätigungen unterstützt, die Menschen tun wollen, müssen oder von denen es erwartet wird (WFOT 2025). Betätigung ist in dieser Lesart das Mittel und der Gegenstand der Behandlung, nicht ihr Zweck.

Zweitens die Ausbildungsbiografien. Berührungspunkte mit ergotherapeutischen Inhalten sind in anderen Gesundheitsberufen nicht selbstverständlich. Die WHO hat deshalb bereits 2010 ein Rahmenwerk vorgelegt, das die Mechanismen erfolgreicher Zusammenarbeit benennt und Strategien zu deren Umsetzung in Gesundheitssystemen beschreibt . Wer ergotherapeutische Denkwege nie kennengelernt hat, erkennt im Behandlungsraum zuerst das sichtbare Medium — Material, Spiel, Alltagshandlung.

Die Zusammenarbeit ist im Berufsbild nicht nachgelagert, sondern Kernkompetenz: Das Kompetenzprofil Ergotherapie (DVE/VDES 2019) führt sie als eigene Domäne „Zusammenarbeit" (S. 12). Sinngemäß wiedergegeben: Ergotherapeut*innen gestalten und optimieren danach die intra- und interprofessionelle sowie sektorenübergreifende Zusammenarbeit — innerhalb etablierter und neuer Tätigkeitsfelder und mit Blick auf eine effektive, effiziente, klientenfokussierte Gesundheitsversorgung und Teilhabeförderung .

Was strukturell hilft: Kommunikation auf Augenhöhe

Clinical Reasoning verständlich machen

Der entscheidende Schritt ist, den eigenen Entscheidungsweg nach außen sichtbar zu machen. Dass sich dieser Denkweg systematisch nachvollziehbar machen lässt, ist Gegenstand der ergotherapeutischen Reasoning-Fachliteratur: Die beiden deutschsprachigen Standardwerke behandeln Reasoning als reflektiertes Denken und Handeln und als therapeutischen Denkprozess, der sich lernen lässt (Feiler 2019; Klemme et al. 2015). Nach außen gelingt das über einen Dreischritt — Betätigungsproblem, Hypothese, Ziel — in Alltagssprache statt in Methodennamen.

Statt: „Wir arbeiten sensorisch-integrativ." Besser: „Das Kind kann sich morgens nicht allein anziehen, weil es Reizangebote schlecht filtert. Wir prüfen das über abgestufte Angebote und arbeiten daran, dass es den Pullover in acht Wochen selbst anzieht."

Statt: „Die Feinmotorik ist auffällig." Besser: „Die Schrift bricht nach zehn Minuten ein — Ausdauer, nicht Form. Darauf zielt die Behandlung."

Der Unterschied ist nicht sprachliche Vereinfachung, sondern die Verlagerung vom Verfahren zur Betätigung. Wer das Ziel nennt, macht überprüfbar, was er tut — und überprüfbare Arbeit wird anders behandelt als unklare.

Der Therapiebericht als Visitenkarte des Berufsbilds

Der Bericht ist oft das einzige Dokument, über das die ärztliche Seite die Arbeit wahrnimmt. Was an Pflichtinhalten hineingehört, steht in unserem Beitrag zu Pflichtinhalten und Dokumentationspflicht beim Therapiebericht; hier geht es um die Formulierung.

Drei Stellschrauben:

  1. Betätigungsziel nach vorn. Der erste Satz benennt, was die Patientin wieder tun kann oder soll — nicht, welche Methode eingesetzt wurde.
  2. Veränderung belegen. Assessment-Ergebnis, Ausgangswert, aktueller Wert. Eine Zahl ersetzt drei Adjektive.
  3. Eine konkrete Rückfrage oder Empfehlung an den Adressaten. Sie macht den Bericht zu einem Gesprächsangebot statt zu einer Pflichtmeldung.

Fallbesprechungen und Teambesprechungen aktiv einfordern

Fehlt der Austausch, beginnt er selten als Gremium. Realistischer ist der kleine Anfang:

  1. Einen Anlassfall wählen, bei dem zwei Berufsgruppen erkennbar aneinander vorbeiarbeiten.
  2. Den Rahmen klein halten: 15 Minuten, feste Uhrzeit, zwei bis drei Beteiligte.
  3. Vorbereitet kommen: ein Satz Befund, ein Satz Hypothese, eine Frage an die anderen.
  4. Ergebnis schriftlich festhalten — zwei Zeilen genügen, sie sind die Grundlage des nächsten Termins.
  5. Den Turnus vorschlagen, sobald der erste Termin etwas gebracht hat.

Für den Zuschnitt zwischen Ergotherapie und Logopädie — ein häufiger Anlass für Rollenklärung — findest du Konkretes in unserem Beitrag zur Zusammenarbeit von Ergotherapie und Logopädie bei Kindern.

Was du allein bewirken kannst – und was eine Struktur braucht, die du dir nicht selbst bauen kannst

Was du allein tun kannst Was eine Praxisstruktur leisten muss
Gespräch mit der verordnenden Praxis suchen Regelmäßigen interdisziplinären Austausch im Haus verankern
Berichte betätigungsorientiert formulieren Berichtszeit als Arbeitszeit einplanen
Einen Fall interprofessionell besprechen Feste Fallbesprechung im Dienstplan abbilden
Eigenes Reasoning schärfen Fortbildung und fachliche Anleitung ermöglichen
Rollen im Einzelfall klären Schnittstellen berufsgruppenübergreifend definieren

Die linke Spalte wirkt sofort, aber sie trägt nur, solange eine Person sie trägt. Dass tragfähige Zusammenarbeit institutionelle Unterstützung und verlässliche Abläufe braucht, ist genau der Punkt, an dem das WHO-Rahmenwerk ansetzt: unterstützendes Management, Verantwortliche vor Ort und das Abräumen von Hindernissen für kollaborative Versorgung .

FAQ

Wie reagiere ich, wenn ein Arzt meine Therapie als „nur Spielen" bezeichnet?

Nicht rechtfertigen, sondern konkretisieren. Ein Satz zum Betätigungsziel, ein Satz zum Befund, ein Satz zum Messpunkt. „Das Spiel ist das Setting — gemessen wird, ob sie den Reißverschluss allein schließt."

Lohnt sich ein Gespräch mit der Praxisleitung, wenn interdisziplinärer Austausch fehlt?

Ja, wenn du mit einem umsetzbaren Vorschlag kommst: konkreter Anlass, Zeitbedarf, Beteiligte, erwarteter Nutzen für die Versorgung. Austausch ist kein Zusatzwunsch, sondern im Kompetenzprofil Ergotherapie (DVE/VDES 2019) als Kernaufgabe beschrieben.

Wie stelle ich Clinical Reasoning in einem Fünf-Minuten-Gespräch dar?

Betätigungsproblem, Hypothese, Ziel mit Zeitangabe, eine Rückfrage. Methodennamen nur, wenn danach gefragt wird.

Hilft eine Zusatzqualifikation, um fachlich ernster genommen zu werden?

Fachlich erweitert sie den Handlungsraum. Für die Außenwahrnehmung wirkt sie aber nur, wenn ihr Ergebnis in Berichten und Gesprächen sichtbar wird — ein Zertifikat allein verändert kein Bild vom Beruf.

Fazit

Die Reduktion auf „Basteln" löst sich nicht über Erklärungen des Berufsbilds im Allgemeinen, sondern über Fälle: über Befunde, die ankommen, Ziele, die überprüfbar sind, und Berichte, die eine Frage stellen. Diese Arbeit kannst du als Einzelne beginnen. Dauerhaft wird daraus Zusammenarbeit nur dort, wo Austausch im Ablauf vorgesehen ist statt in der Pause.

Quellen

  • Deutscher Verband Ergotherapie (DVE) / Verband Deutscher Ergotherapie-Schulen (VDES): Kompetenzprofil Ergotherapie, 2019. https://buendnis-therapieberufe.de/wp-content/uploads/2020/10/Druck-2019-Kompetenzprofil.pdf
  • World Federation of Occupational Therapists (WFOT): Definition of Occupational Therapy, 2025. https://wfot.org/about/about-occupational-therapy
  • World Health Organization: Framework for Action on Interprofessional Education and Collaborative Practice, 2010 (WHO/HRH/HPN/10.3). https://iris.who.int/handle/10665/70185
  • Feiler, M. (Hrsg.): Professionelles und klinisches Reasoning in der Ergotherapie. Ein Leitfaden für reflektiertes Denken und Handeln. 1. Auflage 2019, Thieme, ISBN 978-3-13-242359-6.
  • Klemme, B.; Siegmann, G.; Köster, J.; Kruse, A.; Kunze, K.: Clinical Reasoning. Therapeutische Denkprozesse lernen. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2015, Thieme, ISBN 978-3-13-141802-9.

melius Redaktion

Fachlich geprüft von Anna-Maria Höhn, staatlich anerkannte Ergotherapeutin