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Sensorische Integration bei erwachsenen Patient:innen mit psychiatrischen Diagnosen: Was sich übertragen lässt — und was nicht

Sensorische Integration stammt aus der Arbeit mit Kindern — der Transfer auf erwachsene Patient:innen mit psychiatrischen Diagnosen braucht andere Assessments, andere Ziele und eine nüchterne Einschätzung der Studienlage. Was dafür an Instrumenten, Zugängen und Literatur existiert, lässt sich auch ohne spezialisierte Praxis erschließen.

Ein Erwachsener mit einer Verordnung im Bereich psychisch-funktioneller Störungen sitzt im Behandlungsraum, zeigt deutliche sensorische Auffälligkeiten — und das eigene SI-Wissen stammt aus der Pädiatrie. Die Frage, ob der eigene Zugang dann fachlich vertretbar ist, ist eine bekannte und berechtigte. Dieser Text sortiert, was sich belegen lässt, was nicht, und woher belastbare Literatur kommt.

Warum SI-Wissen aus der Pädiatrie nicht einfach übertragbar ist

Ursprung des Ansatzes: Ayres und die kindliche Entwicklung

Der Ayres-Ansatz ist aus der Arbeit mit Kindern entstanden, und die zugehörige Instrumentenfamilie bildet das ab: Das Adolescent/Adult Sensory Profile ist für Personen ab 11 Jahren gedacht und basiert auf dem Sensory Profile (Dunn, 1999), einem Verfahren für Kinder von 3 bis 10 Jahren . Die Grundlagen des Ansatzes und seine Anwendung in der Pädiatrie haben wir in einem eigenen Beitrag zu SI-Therapieansätzen in der Praxis aufbereitet.

Was sich bei erwachsenen, psychiatrischen Patient:innen strukturell unterscheidet

Drei Unterschiede sind entscheidend. Erstens die Zielgröße: Bei Erwachsenen geht es nicht um Entwicklungsvoraussetzungen, sondern um Betätigung und Teilhabe im bestehenden Alltag — ein Zusammenhang, den Pfeiffer und Kolleg:innen für Erwachsene mit schweren psychischen Erkrankungen untersucht haben. Zweitens die Selbstauskunft: Erwachsene können ihre sensorischen Reaktionen beschreiben, Kinder meist nicht. Drittens die Begrifflichkeit — in der Erwachsenenpsychiatrie hat sich international nicht „SI-Therapie", sondern sensorische Modulation als Leitbegriff durchgesetzt. Sensorische Interventionen sind im Erwachsenen-Psychiatriebereich verbreitet; der von Ergotherapeut:innen dafür verwendete Begriff ist „sensory modulation", dessen Bedeutung sich allerdings gewandelt hat .

Dimension Kinder (klassischer SI-Ansatz) Erwachsene, psychiatrische Diagnose
Assessment Fremdbeobachtung, Elternfragebogen Selbstauskunft, z. B. A/ASP
Setting Ausgestatteter Therapieraum Alltagsumgebung, Wohnung, Arbeitsplatz
Zielsetzung Entwicklungsvoraussetzungen Betätigung, Teilhabe, Selbstregulation
Intervention Aktive sensomotorische Angebote Umweltanpassung, selbstgesteuerte Strategien
Evidenzlage Deutlich breiter erforscht Überwiegend Pilot- und Fallstudien

Für welche psychiatrischen Diagnosegruppen SI-Ansätze diskutiert werden

Schizophrenie und andere psychotische Störungen

Hier ist die Datenlage am dichtesten. Bereits die Normierung des A/ASP zeigte signifikante Unterschiede zwischen Menschen mit typischer Entwicklung, bipolarer Störung und Schizophrenie . Eine retrospektive Analyse fasst fünf Studien zusammen und beschreibt ein allgemeines Muster aus erhöhter Sensorischer Sensibilität, Sensorischem Vermeiden, geringer Registrierung und reduziertem Sensorischem Suchen bei Schizophrenie, Psychose-Risiko, bipolarer Störung und Major Depression — bei erheblicher Variabilität im Einzelfall .

Traumafolgestörungen und Depression

Depressive Störungen sind in dieser Analyse enthalten; für Traumafolgestörungen gibt es keine vergleichbar spezifische Datenbasis. Sensorische Modulation wird in der Erwachsenenpsychiatrie vor allem konzeptuell an traumasensible Versorgung angeschlossen: Ein Review zu sensorischen Ansätzen im stationären Bereich verweist auf die Verbindung zu personenzentrierter, traumasensibler und recovery-orientierter Praxis als Begründung für die Verbreitung des Ansatzes. Das ist eine plausible fachliche Verortung — kein Wirksamkeitsnachweis.

Eine Meta-Analyse zu sensorischen Verarbeitungsschwierigkeiten über verschiedene psychiatrische Störungsbilder hinweg beschreibt diese als unspezifisches, transdiagnostisches Phänomen — nicht als Merkmal einer einzelnen Diagnose (van den Boogert et al., 2022).

Wo die Evidenzlage (noch) dünn ist

Bei der Intervention, nicht beim Befund. Ein Scoping Review zu sensorischen Modulationsinterventionen bei Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen fand 17 relevante Arbeiten: eine Fall-Kontroll-Studie, drei qualitative, drei Mixed-Method-, drei Fallstudien und acht Pilot-Interventionsstudien — nur eine Fall-Kontroll-Studie bedeutet einen Mangel an höherwertiger Forschung . Für Snoezelen- und Sensorikräume im stationären Setting gilt: Es fehlt an Belegen dafür, ob sie Isolierung, Zwangsmaßnahmen oder Gewalt reduzieren; eine Verringerung von Distress ist wahrscheinlich, und Patient:innen wie Personal berichten von besserer Emotionsregulation und Selbstmanagement .

Sensorische Muster bei Erwachsenen erkennen: Anpassung der Beobachtung

Sensorisches Modulationsprofil statt kindlicher Testverfahren

Das Adolescent/Adult Sensory Profile ist das verbreitetste Instrument: 60 Items als Selbstauskunft für Personen von 11 bis über 65 Jahren, deren Antworten den vier Quadranten des Dunn-Modells zugeordnet werden — geringe Registrierung, Sensorisches Suchen, Sensorische Sensibilität, Sensorisches Vermeiden . Die Durchführung dauert etwa 15 Minuten . Die interne Konsistenz der Quadranten ist unterschiedlich gut; die Werte liegen zwischen .66 und .82 . Als zweites Selbstauskunftsverfahren existiert die Adult Form der Sensory Processing Measure 2, deren Übereinstimmung mit dem A/ASP untersucht wurde (Skocic et al., 2024).

Sensorische Anamnese im Gespräch mit erwachsenen Patient:innen

Ein sensorisches Verarbeitungsprofil ersetzt das Gespräch nicht, es strukturiert es. Sinnvolle Ankerpunkte: Welche Orte werden gemieden und seit wann? Was passiert in Supermarkt, Bus, Großraumbüro? Welche Selbstberuhigung existiert bereits — Kopfhörer, Dunkelheit, Bewegung, Rückzug? Erwachsene bringen jahrzehntelang gewachsene Kompensationsstrategien mit; diese zu erheben, ist ergiebiger als sie durch neue zu ersetzen. Der Befund wird an konkreten Betätigungen festgemacht, nicht an Sensorik als Selbstzweck.

Praktische Zugänge für den ambulanten Alltag

Environmental Modification statt Bewegungsbad

Was im stationären Sensorikraum funktioniert, lässt sich in der ambulanten Praxis nicht nachbauen — der Befund dazu ist aber übertragbar. Als förderliche Merkmale solcher Räume werden beschrieben: weniger klinische Anmutung, ruhige Lage ohne Unterbrechungen, gute Zugänglichkeit . Für die ambulante Arbeit heißt das: Der eigentliche Interventionsort ist die Wohnung oder der Arbeitsplatz. Lichtquellen, Geräuschbelastung, Sitzplatzwahl, ein definierter Rückzugsort — das sind die Stellschrauben, und sie bleiben nach Verordnungsende bestehen.

Selbstregulationsstrategien einüben

Sensorische Modulationsinterventionen werden als nicht-invasiv, selbstgesteuert und stärkend beschrieben — genau darin liegt ihr Sinn im ambulanten Setting. Die Strategie muss von der Patientin selbst ausgelöst, dosiert und beendet werden können. Erfasste Quadranten-Muster geben die Richtung vor, ersetzen aber das Erproben im Alltag nicht.

Grenzen: Wann SI-Ansätze nicht das Mittel der Wahl sind

Ein sensorisches Muster erklärt nicht das Störungsbild. Sensorische Ansätze ergänzen die leitliniengerechte Behandlung der Grunderkrankung, sie ersetzen sie nicht.

[!CHECKLIST] Vor dem sensorischen Zugang prüfen:

  • Ist die Grunderkrankung fachärztlich behandelt und der Befund aktuell?
  • Lässt sich ein konkretes Betätigungsziel benennen, oder bleibt es bei „Regulation"?
  • Kann die Person die Strategie selbst steuern und abbrechen?
  • Ist das sensorische Muster reproduzierbar erhoben — oder eine Einzelbeobachtung?

Fachliche Unsicherheit auffangen: Literatur, Fortbildung, Austausch

Wo du belastbare Literatur findest — und wo nicht

Die relevante Literatur ist fast vollständig englischsprachig und steht in ergotherapeutischen Fachzeitschriften. Einstiege mit DOI: der Scoping Review von Kandlur et al. (2023), die Begriffsanalyse von Brown, Tse und Fortune (2019), der Review von Scanlan und Novak (2015). Werbeaussagen von Fortbildungsanbietern zählen nicht als Evidenz — auch dann nicht, wenn sie fachliche Bestätigung behaupten, ohne eine Quelle zu nennen. Woran sich seriöse Anbieter erkennen lassen, steht in unserem Beitrag zum Erkennen von SI-Fortbildungsanbietern.

Wie du dir kollegialen Rückhalt organisierst

Wenn im Team niemand mit diesem Patient:innenkreis gearbeitet hat, kommt der Austausch von außen: ergotherapeutische Dienste psychiatrischer Kliniken und Institutsambulanzen, Fachgruppen des Berufsverbands, Intervisionsgruppen. Eine strukturierte Fallbesprechung mit einer Kollegin aus dem stationären Bereich bringt für den Einzelfall oft mehr als ein Wochenendkurs. Wie sich Fortbildungskosten und Freistellung regeln lassen, behandelt unser Beitrag zu Zertifizierung und Freistellung.

FAQ

Kann ich SI-Fortbildungen aus der Pädiatrie überhaupt für erwachsene Patient:innen nutzen?

Das theoretische Fundament — Schwellenmodell, Modulation, Verhaltensreaktion — trägt. Die Verfahren, das Setting und die Zielsetzung tragen nicht. Für die Erwachsenenarbeit brauchst du zusätzlich Selbstauskunftsverfahren und eine betätigungsorientierte Zielformulierung.

Gibt es standardisierte Assessments für sensorische Muster bei Erwachsenen?

Ja. Das A/ASP gilt als das gebräuchlichste sensorische Instrument für Jugendliche und Erwachsene . Daneben existiert die Adult Form der Sensory Processing Measure 2.

Ist SI bei psychiatrischen Diagnosen wissenschaftlich anerkannt?

Differenziert: Dass sensorische Verarbeitungsunterschiede bei psychiatrischen Diagnosen vorkommen, ist gut belegt. Dass sensorische Interventionen wirksam sind, ist es nicht in gleichem Maß — die vorliegenden Arbeiten sind überwiegend Pilot- und Fallstudien.

Was mache ich, wenn in meiner Praxis niemand Erfahrung mit diesem Patient:innenkreis hat?

Fachlichen Austausch außerhalb des Teams suchen, den eigenen Befund schriftlich begründen und die Zielsetzung eng an Betätigung binden. Das ist überprüfbar — und damit auch gegenüber Ärzt:innen und Patient:innen vertretbar.

Fazit

Der Transfer gelingt nicht als Kopie, sondern als Übersetzung: Selbstauskunft statt Fremdbeobachtung, Alltagsumgebung statt Therapieraum, Teilhabe statt Entwicklungsvoraussetzung. Die Befundlage zu sensorischen Auffälligkeiten bei psychiatrischen Diagnosen ist tragfähig, die Interventionsevidenz ist es noch nicht — das offen zu benennen, ist Teil fachlicher Sorgfalt und kein Argument gegen den Zugang.

Quellen

  • Brown, C. & Dunn, W. (2002): Adolescent/Adult Sensory Profile. User's Manual. Erstausgabe. San Antonio: Therapy Skill Builders / Psychological Corporation.
  • Brown, C., Karim, R. & Steuter, M. (2020): Retrospective Analysis of Studies Examining Sensory Processing Preferences in People With a Psychiatric Condition. American Journal of Occupational Therapy 74(4). DOI: 10.5014/ajot.2020.038463
  • Brown, A., Tse, T. & Fortune, T. (2019): Defining sensory modulation. Scandinavian Journal of Occupational Therapy 26(7), 515–523. DOI: 10.1080/11038128.2018.1509370
  • Craswell, G., Dieleman, C. & Ghanouni, P. (2021): An Integrative Review of Sensory Approaches in Adult Inpatient Mental Health. Occupational Therapy in Mental Health 37(2), 130–157. DOI: 10.1080/0164212X.2020.1853654
  • Haig, S. & Hallett, N. (2023): Use of sensory rooms in adult psychiatric inpatient settings. International Journal of Mental Health Nursing 32(1), 54–75. DOI: 10.1111/inm.13065
  • Kandlur, N. R. et al. (2023): Sensory modulation interventions for adults with mental illness: A scoping review. Hong Kong Journal of Occupational Therapy 36(2), 57–68. DOI: 10.1177/15691861231204896
  • Pfeiffer, B. et al. (2014): Sensory processing, participation, and recovery in adults with serious mental illnesses. Psychiatric Rehabilitation Journal 37(4), 289–296.
  • Scanlan, J. N. & Novak, T. (2015): Sensory approaches in mental health: A scoping review. Australian Occupational Therapy Journal 62(5), 277–285. DOI: 10.1111/1440-1630.12224
  • Skocic, S. et al. (2024): Convergent validity of two adult self-report sensory scales. Australian Occupational Therapy Journal. DOI: 10.1111/1440-1630.12963
  • van den Boogert, F. et al. (2022): Sensory processing difficulties in psychiatric disorders: A meta-analysis. Journal of Psychiatric Research 151, 173–180. DOI: 10.1016/j.jpsychires.2022.04.020

melius Redaktion

Fachlich geprüft von Anna-Maria Höhn, staatlich anerkannte Ergotherapeutin