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Myofunktionelle Störungen erkennen und sauber abgrenzen – Leitbefunde für Logopädie und Ergotherapie

Offene Mundhaltung, pathologische Zungenruhelage und viszerales Schluckmuster sind die drei Befunde, an denen sich eine myofunktionelle Störung festmachen lässt — schwierig wird es erst bei der Abgrenzung zu isolierten Artikulationsstörungen und sensorisch geprägten Auffälligkeiten.

Was ist eine myofunktionelle Störung (orofaziale Dysfunktion)?

Der Begriff beschreibt ein gestörtes Zusammenspiel der orofazialen Muskulatur, das sich in Haltungs- und Bewegungsmustern zeigt — nicht in einem einzelnen Symptom. Die aktuelle kieferorthopädische S2k-Leitlinie beschreibt die relevanten Funktionen als Gegensatzpaare: Mundhaltung physiologisch geschlossen versus pathologisch offen, Zungenruhelage physiologisch am Gaumen ruhend versus pathologisch kaudal oder interdental, Schluckmuster physiologisch somatisch versus pathologisch viszeral beziehungsweise interdental (AWMF 083-050, Stand Juni 2025). Hinzu kommen Fehlfunktionen des äußeren Funktionskreises (Lippen, Wangen, mimische Muskulatur) und des inneren Funktionskreises (Zunge, Rachen- und Unterzungenmuskulatur) .

International wird das Störungsbild als orofacial myofunctional disorder geführt. Die ASHA nennt als typisches Zeichen unter anderem die habituelle offene Mundhaltung mit auseinanderliegenden Lippen in Ruhe sowie strukturelle Besonderheiten wie ein restriktives Zungenbändchen und Malokklusionen, etwa vergrößerten frontalen Overjet oder offenen Biss .

Wichtig für die Begriffsarbeit im Team: „myofunktionell“ bezeichnet die Befundebene, „Myofunktionelle Therapie (MFT)“ dagegen eine Methodenfamilie. Ein Kind kann myofunktionelle Befunde zeigen, ohne dass daraus automatisch ein MFT-Programm folgt — und MFT-Elemente tauchen in Therapien auf, bei denen die Hauptdiagnose eine andere ist.

Die Evidenz zur MFT ist deutlich dünner, als der Verbreitungsgrad der Methode vermuten lässt. Eine systematische Übersicht zu Speech Sound Disorders kommt zu dem Ergebnis, dass OMT allein und in Kombination mit Artikulationstherapie nicht wirksamer war als Artikulationstherapie allein und Studien hoher Qualität keine direkt auf OMT zurückführbare Verbesserung des Sprechens zeigten .

Für Essen und Schlucken bei 4- bis 12-Jährigen fällt das Bild ähnlich aus: Trotz positiver berichteter Ergebnisse begrenzt die Qualität der Evidenzbasis, wie belastbar Aussagen zur Wirksamkeit sind .

Woran erkennst du eine myofunktionelle Störung im Alltag?

Typische Beobachtungsmerkmale: Mundatmung, Zungenruhelage, Schluckmuster, Artikulation

Die vier Beobachtungsfelder hängen zusammen, und genau das macht sie diagnostisch brauchbar: Ein Einzelbefund trägt wenig, ein konsistentes Muster viel.

Mundhaltung und Atmung. Beobachte die Ruhesituation, nicht die Übungssituation — beim Spielen, Malen, Zuhören. Eine dauerhaft offene Mundhaltung ist ein Leitbefund, aber kein Beweis: Sie kann Ausdruck einer behinderten Nasenatmung sein und gehört dann primär HNO-ärztlich abgeklärt.

Zungenruhelage. Relevant ist, wo die Zunge liegt, wenn das Kind nicht spricht, nicht isst und sich nicht anstrengt — am Gaumen, kaudal am Mundboden oder interdental.

Schluckmuster. Prüfe, ob die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Zahnreihen drückt und ob perioral deutlich mitgearbeitet wird.

Artikulation. Interdentale oder addentale Bildung der Sibilanten ist der häufigste sprechmotorische Begleitbefund — aber eben Begleitbefund, nicht Definitionsmerkmal.

[!CHECKLIST]

  • Ruhebeobachtung über mehrere Minuten, nicht als Einzelmoment
  • Zungenruhelage und Schluckmuster getrennt dokumentieren
  • Lautbefund daneben halten: betrifft er nur die Sibilanten oder mehr?
  • Essens- und Trinksituation erfragen, nicht nur das Sprechen
  • Vorbefunde von Kieferorthopädie, Zahnmedizin und HNO einbeziehen

Wann reicht Beobachtung – wann ist gezielte Diagnostik nötig?

Beobachtung reicht, um eine Hypothese zu bilden und das Gespräch mit Eltern und zuweisender Praxis zu begründen. Sie reicht nicht, wenn strukturelle oder medizinische Ursachen im Raum stehen. Die ASHA formuliert die Grenze eindeutig: Sprachtherapeut:innen stellen keine medizinischen Differenzialdiagnosen; sie dokumentieren Beobachtungen anatomischer und physiologischer Auffälligkeiten im Screening oder Assessment . Verdacht auf behinderte Nasenatmung, auffällige Bissverhältnisse oder ein restriktives Zungenbändchen gehören deshalb in die jeweilige ärztliche beziehungsweise zahnmedizinische Abklärung — parallel, nicht nachgelagert.

Für die Befundung selbst gilt: Zungenruhelage, Schluckmuster, Atmung, Lippen- und Wangenfunktion sollten systematisch und einzeln erfasst werden, weil nur so erkennbar wird, welches Muster trägt und welcher Befund mitläuft.

Abgrenzung zu anderen Störungsbildern

Störungsbild Leitsymptome Hauptzuständigkeit
Myofunktionelle Störung Offene Mundhaltung, pathologische Zungenruhelage, viszerales Schlucken Logopädie, interdisziplinär
Isolierte phonetisch-artikulatorische Störung Konstante Lautfehlbildung bei unauffälliger Ruhelage Logopädie
Sprachentwicklungsstörung Wortschatz, Grammatik, Sprachverständnis betroffen Logopädie
Sensorische Verarbeitungsstörung Auffälligkeiten weit über den Mundraum hinaus Ergotherapie

Myofunktionelle Störung vs. isolierte Artikulationsstörung

Das Unterscheidungskriterium ist die Ruhefunktion. Bei einer isolierten phonetischen Störung ist der Lautbefund auffällig, Zungenruhelage, Mundschluss und Schluckmuster sind es nicht. Bei einer myofunktionellen Störung ist die Lautbildung Teil eines größeren Musters; die Leitlinie führt Artikulationsstörungen entsprechend neben offener Mundhaltung, pathologischer Zungenruhelage und viszeralem Schluckmuster als orofaziale Funktionsstörung auf. Praktisch heißt das: Erst Ruhelage und Schluckmuster befunden, dann den Sigmatismus einordnen — nicht umgekehrt.

Myofunktionelle Störung vs. sensorische Verarbeitungsstörung

Hier ist die Frage nicht „Mund oder nicht Mund“, sondern „nur Mund oder mehr“. Bleiben die Auffälligkeiten auf die orofaziale Muskelfunktion begrenzt, führt der myofunktionelle Blick weiter. Zeigen sich dagegen Reaktionsmuster, die auch außerhalb des Mundraums auftreten — Abwehr gegenüber Berührung im Gesicht, ausgeprägte Konsistenzselektivität, Auffälligkeiten in Haltung und Tonus —, greift die Betrachtung über das orofaziale System hinaus. Beide Konstellationen schließen einander nicht aus, und in diesen Fällen ist die zweite Fachperspektive kein Luxus: Die ASHA listet Ergotherapie ausdrücklich als Teil des interprofessionellen Teams neben HNO, Kieferorthopädie, Zahnmedizin und weiteren Disziplinen .

Wer übernimmt was? Die Schnittstelle zwischen Logopädie und Ergotherapie

Der Schwerpunkt liegt logopädisch, wenn Zungenruhelage, Schluckmuster, Lippenschluss und Lautbildung im Zentrum stehen — also bei den Funktionen, die die Leitlinie als orofaziale Dysfunktionen beschreibt. Die Ergotherapie bringt ihre Expertise dort ein, wo Haltung, Tonusregulation und sensomotorische Integration die orofaziale Funktion mitbestimmen oder wo die Nahrungsaufnahme als Alltagshandlung betroffen ist.

Für die kollegiale Rückversicherung im Einzelfall reicht meist wenig: eine kurze Befundskizze mit den drei Kernbeobachtungen, eine konkrete Frage („Siehst du außerhalb des Mundraums ein Muster?“) und ein Rückmeldeweg. Hilfreich ist, die Frage auf eine Beobachtung zu beziehen statt auf eine Diagnose — das macht die Antwort präziser und schneller. Wie sich die Aufgabenteilung zwischen beiden Fachbereichen organisatorisch abbilden lässt, steht in unserem Beitrag zur Zusammenarbeit von Ergotherapie und Logopädie bei Kindern.

FAQ

Ist jede Mundatmung eine myofunktionelle Störung?

Nein. Die offene Mundhaltung ist ein Leitbefund, aber sie kann auch Folge einer behinderten Nasenatmung sein. Ohne HNO-ärztliche Abklärung bleibt die Einordnung vorläufig — Therapeut:innen stellen keine medizinischen Differenzialdiagnosen.

Ab welchem Alter lässt sich das zuverlässig beurteilen?

Eine belastbare Altersgrenze gibt die Leitlinienlage nicht her. Die kieferorthopädische S2k-Leitlinie beschreibt aber, dass sich offene Mundhaltung und viszerales Schluckmuster im Milchgebiss etablieren und zunehmend auf das Wechselgebiss übertragen werden (Stand Juni 2025) — entscheidend ist also die Persistenz des Musters, nicht ein Stichtag.

Reicht logopädische Diagnostik allein?

Für die orofaziale Funktion in der Regel ja. Sobald Befunde über den Mundraum hinausweisen oder strukturelle Faktoren im Spiel sind, ist das Team gefragt — ASHA führt dafür unter anderem Ergotherapie, HNO und Kieferorthopädie auf.

Wie grenze ich das von einer reinen Artikulationsstörung ab?

Über die Ruhefunktion: unauffällige Zungenruhelage und unauffälliges Schluckmuster bei isoliertem Lautfehler sprechen gegen eine myofunktionelle Störung.

Wie sicher ist die Wirksamkeit myofunktioneller Therapie belegt?

Begrenzt. Systematische Übersichten zu Sprechlauten sowie zu Essen und Schlucken kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die methodische Qualität der Studien belastbare Aussagen einschränkt.

Fazit

Die Einordnung einer myofunktionellen Störung steht und fällt mit drei systematisch erhobenen Befunden — Mundhaltung, Zungenruhelage, Schluckmuster — und mit der Disziplin, den Lautbefund erst danach zu bewerten. Die Abgrenzung zur isolierten Artikulationsstörung gelingt über die Ruhefunktion, die zur sensorischen Verarbeitungsstörung über die Reichweite der Auffälligkeiten. Wo beide Perspektiven zusammenkommen, wird aus einer unsicheren Vermutung meist in wenigen Minuten ein tragfähiger Befund.

Quellen

  • DGKFO, DGZMK: S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Langfassung Version 1.1, Stand Juni 2025 (gültig bis Juni 2030): https://register.awmf.org/assets/guidelines/083-050l_S2k_KFO_Diagnostik_2025-06.pdf — Kapitel 5.4 (Funktionelle Untersuchung orofazialer Dysfunktionen und Habits).
  • American Speech-Language-Hearing Association (o. J.): Orofacial Myofunctional Disorders. ASHA Practice Portal, Abschnitte „Signs and Symptoms“, „Interprofessional Team“, abgerufen am 15.10.2026: https://www.asha.org/practice-portal/clinical-topics/orofacial-myofunctional-disorders/
  • „Effectiveness of Orofacial Myofunctional Therapy for Speech Sound Disorders in Children: A Systematic Review“ (2025), International Journal of Orofacial Myology and Myofunctional Therapy 51(1), Artikel 4, doi:10.3390/ijom51010004
  • Carey et al.: „Orofacial Myofunctional Therapy for Feeding and Swallowing in Children From Four to 12 Years: What Does the Evidence Show? A Systematic Review“, Journal of Oral Rehabilitation 2026, Early View (online first 8. September 2026), doi:10.1111/joor.70304
  • Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik, Sprachheilwiki, Kategorie Störungsbilder: Myofunktionelle Störungen, abgerufen am 15.10.2026: https://www.dgs-ev.de/sprachheilwiki/kategorien/stoerungsbilder/myofunktionelle-stoerungen

melius Redaktion

Fachlich geprüft von Nadja Ehret, Klinische Linguistin & staatlich anerkannte Logopädin