SI-Fortbildungsanbieter erkennen: Prüfkriterien statt beworbener Punktzahlen
Wer SI-Fortbildungen vergleicht, vergleicht meist zwei Dinge gleichzeitig: eine Zertifizierung durch eine Fachgesellschaft und eine Punktzahl, die der Anbieter selbst festsetzt. Wer beides auseinanderhält, erkennt an drei nachprüfbaren Kriterien — Curriculum, Ausbilder:innen, Herkunft der Anerkennung —, ob ein Angebot das eigene Budget wert ist.
Warum SI-Fortbildungen schwerer zu vergleichen sind als andere Fortbildungen
Bei Sensorischer Integration gibt es in Deutschland kein einziges, verbindliches Curriculum, sondern mehrere Traditionen mit jeweils eigener Struktur und eigener Abschlussbezeichnung.
Die Deutsche Gesellschaft für Sensorische Integration (DGfSI) hat sich als Verein die Qualitätssicherung der Ausbildung in der sensorischen Integrationstherapie zur Aufgabe gemacht und verweist für die Ausbildung selbst auf ein kooperierendes Institut. Der dortige Weg ist modular aufgebaut: 14 Pflichtbausteine mit mindestens 295 UE und drei Wahlbausteine mit mindestens 35 UE , insgesamt rund 334 UE in maximal vier Jahren, mit dem Abschluss „Zertifikat Zusatzqualifikation Sensorische Integrationstherapie (DGfSI)" (Stand: September 2026).
Parallel dazu existiert die Ayres-Linie der Gesellschaft für Sensorische Integration Jean Ayres (GSID). Ihre berufsbegleitende Weiterbildungsreihe für Ergo-, Physio- und Logopäd:innen schließt nach bestandener Prüfung mit dem Zertifikat „Sensorisch-Integrative Ayres Therapeutin SIAT® GSID®" ab und setzt das Zertifikat des Einführungsseminars voraus .
Zwei Wege, zwei Curricula, zwei Zertifikate — und damit zwangsläufig unterschiedliche Kursdauern. Wer Angebote nebeneinanderlegt, vergleicht oft nicht dieselbe Sache. Zur fachlichen Einordnung der Ansätze selbst haben wir einen eigenen Beitrag zu den SI-Therapieansätzen in der Praxis.
Was „anerkannte Fortbildungspunkte" bedeutet — und was nicht
Wer Punkte vergibt und wer sie tatsächlich anerkennt
Die Bezugsgröße ist Zeit, nicht Inhalt: Nach dem Punktesystem des Deutschen Verbands Ergotherapie sind 60 Fortbildungspunkte innerhalb von vier Jahren gefordert, möglichst 15 pro Jahr, wobei ein Punkt einer Unterrichtseinheit von 45 Minuten entspricht (Stand: September 2026). Eine höhere Punktzahl bedeutet damit zunächst nur: mehr Unterrichtszeit.
Entscheidend ist der zweite Teil. Das Deutsche Erwachsenen-Bildungswerk schreibt, dass derzeit keine verbindliche Regelung zur Vergabe der Fortbildungspunkte existiert und die Höhe der Punkte allein vom Anbieter bestimmt wird. Ähnlich formuliert es ein weiterer Bildungsanbieter: Jeder Fortbildungsanbieter müsse selbst herausfinden, ob und in welcher Höhe seine Kurse bepunktet werden können.
Eine „anerkannte Punktzahl" auf einer Anbieterseite ist in aller Regel eine Selbstauskunft — geprüft wird sie erst dort, wo der Nachweis später vorgelegt wird.
Was formal beim Nachweis gilt, steht in unserem Beitrag zur Nachweispflicht von Fortbildungspunkten.
Warum Anbieterangaben zu Punktzahl und Kursdauer auseinandergehen
Aus der Recherche ergeben sich zwei getrennte Ursachen, die im Marketing oft vermischt werden.
Erstens die Punktzahl: Sie folgt der Kursdauer und wird vom Anbieter ausgewiesen, nicht von einer zentralen Stelle zugeteilt. Wirbt ein kurzer Onlinekurs mit einer einstelligen Punktzahl, ist das keine Qualitätsaussage, sondern eine Rechengröße — und keine Aussage darüber, ob der Kurs später anerkannt wird.
Zweitens die Kursdauer: Sie folgt dem Curriculum der jeweiligen Fachgesellschaft. Angaben zur Dauer „des großen SI-Kurses", die ohne Nennung eines Curriculums kursieren — etwa in Elternforen oder in Zusammenfassungen Dritter —, lassen sich keiner zertifizierenden Stelle zuordnen und taugen nicht als Maßstab. Belastbar ist nur, was die Fachgesellschaft beziehungsweise das von ihr anerkannte Institut für den konkreten Abschluss ausweist.
Daraus folgt eine einfache Prüfregel: Frag nach der vergebenden Stelle. Wer eine Zahl nennt, muss sagen können, wer sie vergibt, auf welches Curriculum sie sich bezieht und was auf der Teilnahmebescheinigung steht.
Prüffragen vor der Anmeldung
Qualifikation und Herkunft der Ausbilder:innen
Sieh nach, ob die Dozent:innen namentlich mit Berufsgruppe und SI-Qualifikation genannt sind und ob erkennbar ist, aus welcher SI-Linie sie kommen. Ein Kurs „nach den Richtlinien" einer Fachgesellschaft ist etwas anderes als ein Kurs, der von dieser Gesellschaft anerkannt ist — die zweite Formulierung ist die stärkere.
Kursaufbau: Theorie-, Praxis- und Supervisionsanteile
SI lässt sich nicht rein rezeptiv lernen. Im DGfSI-Weg gehören zur Erlangung der Qualifikation eine Fallarbeit mit Videoaufzeichnung und eine Supervision ; im Abschlussteil werden Fallarbeiten gemeinsam besprochen und supervisorisch begleitet . Prüf außerdem, ob du die Inhalte anschließend umsetzen kannst: Ein Anbieter weist ausdrücklich darauf hin, dass es dafür entsprechende räumliche Voraussetzungen braucht — vor allem Bewegungsmöglichkeiten und eine Schaukelaufhängung, was in der Ergotherapie meist zur Grundausstattung gehört, in logopädischen Praxen nicht immer .
Transparenz der Punktevergabe und Nachweisführung
Seriöse Anbieter benennen Unterrichtseinheiten je Baustein, nicht nur eine Gesamtpunktzahl, und sagen, was die Bescheinigung ausweist. Unklar wird es, wenn Punkte beworben, UE aber nicht angegeben werden.
[!CHECKLIST] Diese vier Fragen vor der Anmeldung schriftlich stellen — die Antworten sind gleichzeitig deine Argumente gegenüber der Praxisleitung:
- Wie viele UE umfasst der Baustein, und was steht dazu auf der Teilnahmebescheinigung?
- Welche Stelle vergibt die genannten Punkte, und welche erkennt sie an?
- Auf welches Curriculum zahlt der Kurs ein, und welcher Abschluss ist damit erreichbar?
- Welche Praxis-, Fallarbeits- und Supervisionsanteile sind enthalten?
Übersicht — Prüfkriterien auf einen Blick
| Kriterium | Worauf achten | Warnsignal |
|---|---|---|
| Curriculum | Zuordnung zu einer Fachgesellschaft | „SI-Kurs" ohne Bezugssystem |
| Punktangabe | UE pro Baustein ausgewiesen | Nur Punktzahl, keine UE |
| Anerkennung | Vergebende Stelle wird benannt | „Anerkannt" ohne Absender |
| Ausbilder:innen | Namen, Beruf, SI-Qualifikation | Anonymes Dozententeam |
| Praxisanteil | Fallarbeit und Supervision | Reine Theorievermittlung |
| Abschluss | Klar benanntes Zertifikat | Vage „Teilnahmeurkunde" |
Fortbildungsbudget gezielt einsetzen
Der modulare Aufbau ist hier der Hebel: Die Reihenfolge der Bausteine ist größtenteils frei wählbar und kann nach eigenem Arbeitsschwerpunkt belegt werden , und der Gesamtweg ist auf maximal vier Jahre angelegt. Ein Jahresbudget von einigen Hundert Euro reicht damit für ein bis zwei Bausteine pro Jahr, ohne dass der Abschluss aus dem Zeitrahmen fällt.
Zwei Punkte sparen bares Geld. Erstens: Bereits absolvierte Fortbildungen anderer Institute können nach Absprache und Prüfung anerkannt werden; die Nachweise sind vor Beginn des Basiskurses in Kopie einzureichen. Wer ältere SI-Kurse im Ordner hat, klärt das vor der Buchung. Zweitens: Klär früh, was die Praxis trägt — dazu findest du Hinweise in unserem Beitrag zur Übernahme von Fortbildungskosten und speziell für den langen Weg unter SI-Zertifizierung, Freistellung und Budget.
FAQ
Woran erkenne ich, ob ein SI-Kurs für meinen Berufsverband anerkannt ist?
Frag den Anbieter schriftlich nach der vergebenden Stelle und nach den ausgewiesenen UE, und gleich die Antwort mit den Angaben deines Verbands ab. Eine Punktzahl ohne benannten Absender ist keine Anerkennung.
Zählt ein Onlinekurs genauso viel wie eine Präsenzfortbildung?
Nicht das Etikett entscheidet, sondern Interaktionsmöglichkeit und Teilnahmenachweis; was dafür formal gilt, steht in unserem Beitrag zur Nachweispflicht von Fortbildungspunkten. Fachlich gilt zusätzlich: Fallarbeit und Supervision lassen sich nicht durch reines Zuhören ersetzen.
Was mache ich, wenn zwei Anbieter widersprüchliche Angaben machen?
Prüf zuerst, ob beide überhaupt auf dasselbe Curriculum einzahlen — unterschiedliche Dauern erklären sich häufig durch unterschiedliche Fachgesellschaften. Bleibt der Widerspruch, lass dir von beiden schriftlich geben, wer die Punkte vergibt.
Muss ich die komplette SI-Zertifizierung an einem Stück machen?
Nein. Der Weg ist in Bausteinen organisiert, deren Reihenfolge größtenteils frei wählbar ist , mit einem mehrjährigen Zeitrahmen für den Gesamtabschluss.
Wie spreche ich meine Praxisleitung auf ein bestimmtes Angebot an?
Mit Zahlen statt Wunsch: UE, Kosten, Termine, erreichbarer Abschluss und der Nutzen für konkrete Patient:innengruppen der Praxis. Die vier Fragen aus der Checkliste liefern genau diese Angaben.
Fazit
Die beworbene Punktzahl ist die am wenigsten aussagekräftige Angabe in jedem SI-Kursprospekt — sie folgt der Kursdauer und wird vom Anbieter selbst gesetzt. Tragfähig sind das Curriculum dahinter, die benannte vergebende Stelle, die Qualifikation der Dozent:innen und der Anteil an Fallarbeit und Supervision. Diese vier Angaben lassen sich vor jeder Anmeldung in einer E-Mail erfragen. Kommt keine klare Antwort, ist das bereits die Antwort.
Quellen
- DGfSI – Deutsche Gesellschaft für Sensorische Integration e. V.: Startseite und Ausbildung. https://dgfsi.de/ und https://dgfsi.de/ausbildung/ (abgerufen 09/2026)
- ZiFF: SI-Weiterbildung nach DGfSI im Baukastensystem. https://www.ziff.de/info/si-ausbildung-im-baukastensystem/ (abgerufen 09/2026)
- ZiFF: Sensorische Integration (SI) Weiterbildung (DGfSI) sowie Kursseite SI Zertifizierung. https://www.ziff.de/fortbildung/sensorische-integration-si/ (abgerufen 09/2026)
- GSID – Gesellschaft für Sensorische Integration Jean Ayres, Deutschland und International e. V.: SIAT® Berufsbegleitende Weiterbildungsreihe für Ergo-, Physio- und LogopädInnen. https://gsid.de/seminare/therapie/berufsbegleitende-weiterbildungsreihe-fuer-ergo-physio-und-logopaedinnen/ (abgerufen 09/2026)
- DVE – Deutscher Verband Ergotherapie e. V.: FAQ Fortbildungsverpflichtung nach § 125 SGB V (PDF, Stand 2022). https://www.dve.info/ (abgerufen 09/2026)
- DEB – Deutsches Erwachsenen-Bildungswerk: Fortbildungspunkte und Fortbildungsverpflichtung für Praxisinhaber und fachliche Leiter. https://www.deb.de/weiterbildung/fortbildungspunkte-und-fortbildungsverpflichtung-fuer-praxisinhaber-und-fachliche-leiter/ (abgerufen 09/2026)
- IFLW: Fortbildungspunkte für Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten (2022). https://www.iflw.de/blog/allgemein/fortbildungspunkte-fuer-ergotherapeuten-logopaeden-und-physiotherapeuten/ (abgerufen 09/2026)
- Logopädie Neu Denken: Sensorische Integrationstherapie – räumliche Voraussetzungen. https://logopaedie-neu-denken.de/produkt/sensorische-integrationstherapie/ (abgerufen 09/2026)