Schwieriges Klientenverhalten in der Logopädie: Handlungswege für die Arbeit mit Erwachsenen
Aggression, Verzweiflung oder Grenzüberschreitungen erwachsener Klient:innen gehören zur logopädischen Arbeit, haben aber weder eine eingeübte Handlungsroutine noch einen festen Platz im Teamgespräch. Dieser Text zeigt, was sich in der akuten Situation sagen und tun lässt, wie dünn die Datenlage dazu wirklich ist und wo kollegialer Austausch ansetzen kann.
Wenn Klient:innen schwierig reagieren – ein Thema ohne festen Platz
Sozial-emotional schwieriges Erleben und Verhalten zeigt sich in der Arbeit mit Erwachsenen anders als in der Kindertherapie: als Wut nach dem vierten misslungenen Benennversuch, als stilles Abbrechen der Mitarbeit, als Kommentar über das Aussehen der Therapeutin, als Weinen beim Thema Kostenanpassung. Dass es auftritt, ist keine Frage der Methodenwahl. Sobald sozial-emotional problematisches Verhalten oder Erleben bei Klient:innen in der Therapie auftaucht, wird die Fachkraft damit konfrontiert und muss sich dem stellen.
Anders als bei kindlicher Aggression: kein etablierter Umgang
Für aggressives Verhalten von Kindern existieren eingespielte Routinen – Regeln, Elterngespräch, Rückmeldung an die Kolleg:innen. Für Erwachsene fehlt dieser Rahmen, und auch die Fachliteratur trägt hier weniger weit, als es auf den ersten Blick scheint.
Die inhaltlich nächste deutschsprachige Publikation ist der Beitrag von Kohler (2023) in forum:logopädie. Berichtet werden Ergebnisse einer Online-Befragung unter Logopäd:innen zu Wahrnehmungen, Erklärungen und Umgangsweisen mit dem sozial-emotional schwierigen Erleben und Verhalten ihrer Klient:innen, einschließlich der Selbstreflexion der eigenen Betroffenheit sowie Daten zur empfundenen Wirksamkeit beim Management der sozial-emotionalen Probleme. Zwei Dinge sind dabei wichtig: Beide im Umlauf befindlichen Abstract-Passagen gehören zu derselben Publikation, nicht zu zwei Studien. Und „empfundene Wirksamkeit" ist eine Selbstauskunft aus einem Fragebogen – sie sagt, wie wirksam sich Vorgehensweisen anfühlen, nicht, ob sie wirken.
Dazu kommt der Zuschnitt: Das zugehörige Forschungsprojekt der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik ist auf die Kindersprachtherapie ausgerichtet und zielt auf einen systematischen Überblick zu den Umgangsweisen der Logopädinnen als Ausgangspunkt für weiterführende Handlungsempfehlungen . Der Erwachsenenbereich taucht dort bislang vor allem als Vortrag auf – Scharf-Mayer und Kohler (2022) zum Umgang mit Emotionen bei Erwachsenen in der Aphasietherapie . Für die Arbeit mit erwachsenen Klient:innen gibt es damit Orientierung, aber keine belastbare Datengrundlage, und schon gar keine Zahlen zur Häufigkeit im deutschen Praxisalltag.
Warum das die Belastung isoliert statt sie zu entlasten
Ohne gemeinsame Sprache für diese Situationen bleibt die Einordnung bei der Einzelnen hängen: War das krankheitsbedingt? Hätte eine andere Aufgabenstellung das verhindert? Genau diese Deutungsarbeit ist fachlich – und sie gehört deshalb nicht in die Pause zwischen Tür und Angel, sondern in ein Format, das sie aushält.
Welche Formen sozial-emotional schwierigen Verhaltens vorkommen
Aggression und verbale Entgleisungen
Lautwerden, Türenschlagen, abwertende Bemerkungen über die Therapie oder die Person gegenüber. Bei neurologischen Erkrankungen ist das häufig Symptom und nicht Charakter. Bei Demenz gilt herausforderndes Verhalten als Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse: Die „verstehende Diagnostik" orientiert sich am Need-driven-Dementia-compromised-Behaviour-Modell, das dauerhaft bestehende Hintergrundfaktoren wie neurologischen Status, allgemeinen Gesundheitszustand und biografisch bekannte Persönlichkeitsangaben berücksichtigt.
Auch Schmerzen können Ursache herausfordernden Verhaltens sein.
Verzweiflung, Rückzug und Therapieverweigerung
Abwenden, Schweigen, kurzfristige Absagen, „das bringt doch nichts". Rückzug ist leiser als Aggression und wird dadurch leicht übersehen – obwohl er die Therapieziele genauso kippt.
Grenzüberschreitungen im direkten Kontakt
Logopädische Arbeit findet in geringer körperlicher Distanz statt, bei Dysphagie- und Stimmtherapie mit direktem Körperkontakt. Umso relevanter ist die Nähe-Distanz-Balance als Teil der personalen Kompetenz, wie sie Baum (2018) für die logopädische Therapie beschreibt – zusammen mit der Beobachtung, dass auch Therapeut:innen aus Verunsicherung heraus reagieren, etwa dominierend mit Sätzen wie „Schauen Sie mal, ich bin doch hier die Fachfrau."
Handlungswege in der akuten Situation
Gesprächssätze, die Grenzen setzen, ohne zu eskalieren
Drei Bausteine tragen die meisten Situationen: benennen, was du wahrnimmst – die Grenze ohne Vorwurf setzen – den Weg zurück in die Therapie anbieten.
- „Ich sehe, dass Sie das gerade richtig wütend macht. Wir machen zwei Minuten Pause."
- „Diese Bemerkung möchte ich nicht. Ich bleibe hier, und wir arbeiten weiter – aber ohne das."
- „Sie dürfen jederzeit Stopp sagen, wenn ich Ihren Kehlkopf abtaste."
Die Wirkung hängt weniger am Wortlaut als an der Haltung dahinter: nicht rechtfertigen, nicht diskutieren, nicht dominieren. Deeskalationsprinzipien sind im Grundsatz übertragbar; die ausführliche Darstellung findest du in unserem Beitrag zu Deeskalation bei aggressivem Verhalten von Kindern – dort bezogen auf Kinder, hier auf Erwachsene angewandt.
Wann die Einheit unterbrochen oder beendet wird
Eine Unterbrechung ist kein Scheitern, sondern eine fachliche Entscheidung. Sie liegt nahe, wenn die Sicherheit beider Seiten nicht mehr gegeben ist, wenn therapeutisches Arbeiten offensichtlich nicht mehr möglich ist oder wenn du selbst nicht mehr handlungsfähig bist.
Vor dem Abbruch: Pause anbieten, Aufgabenschwierigkeit senken, Setting wechseln (Sitzposition, Raum, Material).
Beim Abbruch: ruhig und ohne Vorwurf benennen, dass die Einheit hier endet, und einen konkreten nächsten Termin oder Rückrufzeitpunkt nennen.
Danach: Beobachtung festhalten, Rücksprache mit einer Kollegin, Entscheidung über Fortführung oder Zielanpassung treffen.
Nachbereitung: was danach dokumentiert und besprochen gehört
Festgehalten wird, was beobachtbar war – Auslöser, Verhalten, dein Vorgehen, der Verlauf –, nicht eine Charakterdeutung. Das ist nicht nur Formsache: Genau diese Angaben zu Situation und Hintergrundfaktoren sind die Grundlage, aus der sich eine Verstehenshypothese nach dem NDB-Modell überhaupt bilden lässt. Bei demenziell bedingtem Verhalten gehört die Angehörigenperspektive dazu; wie sich solche Gespräche führen lassen, steht in unserem Beitrag zu Angehörigen bei Demenz im Praxisalltag – dort geht es um das Gespräch mit Angehörigen, hier um das Verhalten der Klient:innen selbst.
Fachlicher Umgang statt Einzelkämpfertum
Kollegialen Austausch aktiv einfordern
Der Austausch braucht einen festen Ort: ein wiederkehrender Punkt in der Teambesprechung, ein Fallgespräch mit einer Kollegin aus dem neurologischen Bereich, eine kurze kollegiale Beratung nach festem Ablauf – Fall schildern, Fragen der Kolleg:innen, Hypothesen, Handlungsoptionen. Dass die eigene Betroffenheit Teil der fachlichen Auseinandersetzung ist und nicht ihr Störfaktor, ist in der Fachdiskussion ausdrücklich mitgedacht – Selbstreflexion der eigenen Betroffenheit wird als Teil des Umgangs thematisiert .
Wann Supervision sinnvoll ist
Supervision ist das Format der Wahl, wenn dieselbe Konstellation wiederholt auftritt, wenn dich eine Situation über den Arbeitstag hinaus beschäftigt oder wenn du merkst, dass du Termine innerlich vermeidest. Belastbare deutschsprachige Wirksamkeitsdaten speziell für Supervision in der Logopädie liegen nicht vor – was vorliegt, sind strukturierte Reflexionsmodelle wie das bei Baum (2018) beschriebene Arbeiten an den eigenen Verhaltensmodi im professionellen Kontakt.
Übersicht: Verhalten, mögliches Signal, erster Schritt
| Verhalten | Mögliches Signal | Erster Schritt |
|---|---|---|
| Verbale Entgleisung, Lautwerden | Überforderung, Schmerz, Kontrollverlust | Aufgabe stoppen, Pause benennen |
| Rückzug, Verweigerung | Scham, Misserfolgserleben | Anforderung senken, Ziel neu abstimmen |
| Weinen, Verzweiflung | Konfrontation mit dem Verlust | Raum lassen, nicht sofort weiterüben |
| Grenzüberschreitung im Kontakt | Enthemmung, fehlende Orientierung | Grenze klar benennen, Setting ändern |
FAQ
Darf ich eine Therapieeinheit abbrechen, wenn ein Klient aggressiv wird?
Fachlich ist der Abbruch eine legitime Entscheidung, wenn therapeutisches Arbeiten nicht mehr möglich oder die Sicherheit gefährdet ist. Halte das Vorgehen anschließend fest und stimme die Fortführung im Team ab.
Wie spreche ich eine Grenzüberschreitung direkt an?
In der Situation, knapp und ohne Vorwurf: benennen, was nicht geht, und sagen, wie es weitergeht. Diskussionen über die Absicht des Gegenübers führen in der Regel weg vom Ziel.
Was gehört nach einem Vorfall in die Dokumentation?
Beobachtbares: Situation, Auslöser, Verhalten, dein Vorgehen, Verlauf, Vereinbarung für den nächsten Termin. Keine Charakterzuschreibungen.
Woran merke ich, dass ich Unterstützung brauche?
Wenn die Situation dich über den Arbeitstag hinaus beschäftigt, sich wiederholt oder du Termine innerlich vermeidest – dann ist kollegiale Beratung oder Supervision der nächste Schritt, nicht mehr Anstrengung.
Fazit
Für sozial-emotional schwieriges Verhalten erwachsener Klient:innen gibt es keine belastbare deutschsprachige Datengrundlage, wohl aber übertragbare fachliche Modelle: Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses lesen, klar und ohne Vorwurf begrenzen, beobachtungsnah dokumentieren, die eigene Reaktion reflektieren. Was fehlt, ist meist nicht die Methode, sondern der Ort, an dem darüber gesprochen wird – und der lässt sich im Team herstellen.
Quellen
- Kohler, J. (2023): Sozial-emotionale Schwierigkeiten in der Logopädie. forum:logopädie, Jg. 37 (5), September 2023, S. 24–30. Abstract: https://www.skvdirect.de/forum-logopaedie/fachartikel/ (für diesen Artikel lag nur das Abstract vor, nicht der Volltext)
- Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH): Projektseite „Der Umgang mit sozial-emotional schwierigem Verhalten in der Kindersprachtherapie", inkl. Publikations- und Vortragsliste (u. a. Scharf-Mayer, G. & Kohler, J., 2022: Umgang mit Emotionen bei Erwachsenen in der Aphasietherapie, Tagungsvortrag Zürich). https://www.hfh.ch/projekt/der-umgang-mit-sozial-emotional-schwierigem-verhalten-in-der-kindersprachtherapie
- Baum (2018): Beitrag zu personaler Kompetenz und Functional Fluency in der logopädischen Therapie. forum:logopädie, Jg. 32 (2), März 2018, S. 28–33. PDF: http://logota.de/wp-content/uploads/2018/10/fl182_tp5_baum.pdf
- Herausforderndes Verhalten bei Personen mit Demenz (2021), Springer Medizin. DOI: 10.1007/s15006-021-0285-x, https://link.springer.com/article/10.1007/s15006-021-0285-x
- DGPPN & DGN (Hrsg.): S3-Leitlinie Demenzen, Langversion, Version 4.0, Stand 28.11.2023, AWMF-Reg.-Nr. 038-013; fortgeführt als Living Guideline unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013 (Stand dieses Artikels: Oktober 2026 – prüfe vor Verwendung die jeweils aktuelle Fassung)