CMOP-Modell in der Ergotherapie: klientenzentrierte Zielsetzung im getakteten Alltag
Das CMOP liefert den Rahmen für klientenzentrierte Zielsetzung, das COPM das Verfahren dazu — die Hürde im Alltag ist selten das Modell, sondern die Frage, wie ein Interview in eine enge Taktung passt. Dieser Artikel ordnet Versionen und Begriffe und zeigt, welche Kompromisse die Klientenzentrierung tragen und welche nicht.
Was ist das CMOP-Modell – und warum betrifft es deine tägliche Zielsetzung?
Das Canadian Model of Occupational Performance ist ein konzeptionelles Berufsmodell, keine Methode und keine Vorgabe: Es beschreibt, worum es in der Ergotherapie fachlich geht, und überlässt die Verfahrenswahl der Therapeutin. Für die Zielsetzung ist das relevant, weil das Modell die Betätigung ins Zentrum stellt — nicht die Funktion, die dafür nötig ist.
Zu den Jahreszahlen, die in Skripten gern durcheinandergeraten: Das CMOP wurde erstmals in den Guidelines „Enabling Occupation: An Occupational Therapy Perspective" veröffentlicht; als CMOP wird es in den Ausgaben von 1997 und 2002 geführt, als CMOP-E ab der Ausgabe von 2007 . Das CMOP-E wurde 2007 von Polatajko, Townsend und Craik vorgelegt und erweitert das zuvor von der CAOT publizierte CMOP . Die Erweiterung um „Engagement" trägt dem Umstand Rechnung, dass Menschen an Betätigung teilhaben können, ohne sie selbst auszuführen.
Das Assessment ist älter als das Modell, zu dem es gehört. Die COPM-Erstpublikation erschien 1990 im Canadian Journal of Occupational Therapy , Manual und Bogen wurden erstmals 1991 veröffentlicht — das CMOP als benanntes Modell folgte erst in den Guidelines von 1997.
Die drei Domänen des CMOP: Person, Umwelt, Betätigung
Die Grundfigur ist schnell erzählt, ihre Konsequenz für die Zielformulierung nicht. Das Modell macht die Beziehung zwischen Person, Umwelt und Betätigung explizit und geht davon aus, dass die Betätigung die Brücke zwischen Person und Umwelt bildet . Die Person ist dabei in eine Umwelt eingebettet, die kulturell, institutionell, physisch und sozial beschrieben wird (Polatajko, Townsend & Craik 2007). Die Betätigungsbereiche sind Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit .
Für deine Zielsetzung heißt das: Ein Ziel nach CMOP benennt eine Betätigung in einem Kontext — nicht eine isolierte Komponente. „Kind schneidet mit der Schere im Kunstunterricht entlang einer Linie" ist ein Betätigungsziel; „Verbesserung der bimanuellen Koordination" ist eine Hypothese darüber, was dafür nötig ist. Beides hat seinen Platz, aber nur das erste ist im Sinne des Modells klientenzentriert formuliert.
Vom Modell zum Gespräch: Das COPM-Interview in der Praxis
Ablauf eines COPM-Interviews
Das COPM ist das Assessment zum kanadischen Modell und arbeitet mit einem halbstrukturierten Interview und einem strukturierten Scoring; gemessen werden vom Klienten wahrgenommene Veränderungen der Betätigungsperformanz über die Zeit . Die Schritte nach dem Manual der 5th Edition Revised (Law et al. 2019) bzw. der deutschen Ausgabe:
- Betätigungsanliegen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit sammeln.
- Die Anliegen nach Wichtigkeit einschätzen lassen.
Für bis zu fünf Performanzprobleme je einen Performanz- und einen Zufriedenheitswert auf einer Skala bis 10 erheben . 4. Aus den priorisierten Anliegen die Therapieziele ableiten. 5. Beim Reassessment dieselben Anliegen erneut einschätzen lassen — der Bogen sieht Spalten für Erst- und Wiederholungserhebung vor .
Was du dafür brauchst – und was nicht
Du brauchst das Manual und die Originalbögen. Das COPM ist urheberrechtlich geschützt; die Nutzung läuft über die Rechteinhaber bzw. autorisierte Vertriebe . Eine deutschsprachige Ausgabe liegt beim Schulz-Kirchner Verlag vor (COPM 5th Edition Revised, Übersetzung Dehnhardt, George, Harth) . Du brauchst keine Zertifizierung und keinen Materialkoffer — aber Gesprächsführung, die aushält, dass die Klientin ein Anliegen nennt, das nicht in deiner Hypothese vorkam.
Zielsetzung nach CMOP in der engen Taktung: Was realistisch ist
Wenn 20 Minuten nicht für ein vollständiges COPM-Interview reichen
Die Frage ist berechtigt und sie hat keine elegante Antwort. Ein vollständiges Interview inklusive Scoring in eine Einheit zu quetschen, die zugleich Erstkontakt und Befundbeginn ist, geht selten auf. Praktikabel sind drei Wege, die sich an der Struktur des Verfahrens orientieren:
- Aufteilen: Anliegen sammeln und priorisieren in der ersten Einheit, Scoring und Zielformulierung in der zweiten. Die Reihenfolge bleibt erhalten, nur die Sitzungsgrenze verschiebt sich.
- Vorbereiten lassen: Angehörige oder erwachsene Klient:innen notieren vorab, was im Alltag nicht gelingt. Das Interview beginnt dann nicht bei null — die Gewichtung passiert trotzdem im Gespräch.
- Direkt auf dem Bogen dokumentieren: Der überarbeitete Bogen fasst alle relevanten Angaben auf einem doppelseitigen Blatt zusammen und passt in die Klientenakte . Wer parallel in die eigene Verlaufsdoku abschreibt, erzeugt den Zeitdruck zum zweiten Mal selbst. Wie sich Dokumentationszeit im getakteten Alltag sonst noch organisieren lässt, steht in unserem Beitrag zur Verlaufsdokumentation unter Zeitdruck.
Kompromisse, die die Klientenzentrierung nicht aufgeben
Tragfähig ist ein Kompromiss, der die Reihenfolge respektiert: erst Anliegen, dann Gewichtung durch die Klientin, dann Ziel. Nicht tragfähig ist es, die Anliegen selbst vorzuformulieren und nur noch abnicken zu lassen — dann misst man die eigene Einschätzung. Dass das Verfahren in der Durchführung Schwierigkeiten macht, ist kein neues Thema: Sabine George widmet im Praxishandbuch COPM eigene Kapitel möglichen Schwierigkeiten mit dem COPM und deren Ursachen (George 2002).
Ebenso relevant: Was ein Punktwert bedeutet, ist weniger eindeutig, als die verbreitete Zwei-Punkte-Regel nahelegt. Frühere COPM-Manuale nannten eine Veränderung von zwei Punkten als klinisch bedeutsam; dieser Wert stammt ursprünglich aus einer Programmevaluation in der Erwachsenenpsychiatrie, in der er als Standard gesetzt — nicht empirisch ermittelt — wurde . Inzwischen gilt es als nicht plausibel, dass die minimale wichtige Veränderung über Kontexte hinweg konstant ist (McColl et al. 2023). Für die Praxis heißt das: Die Werte zeigen eine Richtung und strukturieren das Gespräch über Fortschritt — sie sind kein Schwellenwert, der eine Entscheidung allein trägt.
CMOP im interdisziplinären Team: gemeinsame Ziele mit Logopädie und Physiotherapie
Im Team ist die Betätigung die gemeinsame Sprache. Wenn ein Kind beim gemeinsamen Mittagessen in der Kita nicht mitkommt, liegen die logopädischen (Kauen, Schlucken, Kommunikation am Tisch), ergotherapeutischen (Besteckhandhabung, Sitzposition, Reizdichte im Raum) und physiotherapeutischen Beiträge nebeneinander sichtbar — und zwar an derselben Alltagssituation, nicht an drei getrennten Befunden. Die Umweltebenen des Modells — kulturell, institutionell, physisch, sozial — helfen dabei, Zuständigkeiten zu sortieren : Vieles, was im Fallgespräch als Therapieziel verhandelt wird, ist institutionell oder physisch gerahmt und lässt sich schneller über eine Absprache mit der Einrichtung lösen als über Übungsaufbau. Zur Abstimmung im Kinderbereich findest du Konkretes in unserem Beitrag zur Zusammenarbeit von Ergotherapie und Logopädie.
Übersicht: CMOP-Begriffe und ihre Bedeutung im Alltag
| Begriff | Bedeutung | Praxisbeispiel |
|---|---|---|
| CMOP | Modellfassung von 1997/2002 | Rahmen für Befundsortierung |
| CMOP-E | Fassung ab 2007, ergänzt um Engagement | Teilhabe ohne eigene Ausführung |
| COPM | Halbstrukturiertes Interview zum Modell | Erhebung der Anliegen beim Erstkontakt |
| Occupational Performance | Ergebnis des Zusammenspiels von Person, Umwelt, Betätigung | Anziehen vor der Sportstunde |
| Betätigungsperformanz | Deutscher Begriff dafür | Zielformulierung im Bericht |
| Klientenzentrierung | Priorisierung durch die Klientin | Sie wählt, welche fünf Anliegen zählen |
Woran du im Bewerbungsgespräch erkennst, ob klientenzentriertes Arbeiten wirklich Platz hat
Die Frage „Arbeitet ihr klientenzentriert?" wird immer bejaht. Aussagekräftiger sind Fragen nach Struktur.
[!CHECKLIST]
- Wie lang ist der Erstkontakt getaktet, und ist er anders getaktet als Folgetermine?
- Sind Manual und Originalbögen in der Praxis vorhanden und aktuell?
- Wo wird die Erhebung dokumentiert — im Praxissystem, auf dem Bogen, doppelt?
- Zu welchem Zeitpunkt ist das Reassessment vorgesehen?
- Gibt es Fallbesprechungen, in denen Betätigungsziele interdisziplinär abgeglichen werden?
Wer auf diese fünf Fragen konkrete Antworten bekommt, erfährt mehr über den Alltag als aus jedem Leitbild.
FAQ
Ist CMOP dasselbe wie COPM?
Nein. Das CMOP ist das Modell, das COPM das zugehörige Assessment. Das COPM wird im deutschsprachigen Raum als Assessment-Instrument zum Kanadischen Modell der Betätigungsperformanz geführt .
Brauche ich eine gesonderte Zertifizierung, um nach CMOP zu arbeiten?
Nein. Das Modell ist frei zugänglich, für das COPM sind Manual und lizenzierte Bögen nötig, deren Nutzung über die Rechteinhaber geregelt ist . Wenn dich die Weiterbildungsperspektive insgesamt interessiert, findest du dazu einen eigenen Beitrag zu Spezialisierung und Zusatzqualifikation.
Wie oft sollte das COPM-Interview wiederholt werden?
Ein festes Intervall gibt das Verfahren nicht vor. Vorgesehen sind eine Erst- und eine Wiederholungserhebung derselben Anliegen — üblich ist der Abschluss eines Behandlungsabschnitts oder ein Zeitpunkt, an dem sich die Alltagssituation erkennbar verändert hat.
Lässt sich CMOP mit der ICF kombinieren?
Beide schließen sich nicht aus: Das CMOP ist ein Berufsmodell, die ICF eine Klassifikation. Die über das COPM erhobenen Anliegen aus Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit liefern die klientenseitige Priorisierung, die als Grundlage für die Zielsetzung dient — die Zuordnung zu ICF-Kategorien erfolgt anschließend.
Was mache ich, wenn die Taktung kein vollständiges Interview zulässt?
Aufteilen statt kürzen. Anliegen und Priorisierung in einer Einheit, Scoring und Zielformulierung in der nächsten — die Reihenfolge bleibt erhalten.
Fazit
Das CMOP ist kein Instrument, das man „anwendet", sondern eine Entscheidung darüber, woran Ziele ansetzen: an der Betätigung im Kontext. Das COPM macht diese Entscheidung überprüfbar — mit einem halbstrukturierten Interview, einer klientenseitigen Priorisierung und zwei Skalenwerten, deren Aussagekraft man kennen sollte, statt sie als Schwelle zu behandeln. Die praktische Frage ist nicht, ob das Modell in 20 Minuten passt, sondern wie Erstkontakt, Dokumentationsweg und Reassessment organisiert sind. Das lässt sich im Bewerbungsgespräch erfragen — konkreter als jede Selbstbeschreibung.
Quellen
- Polatajko, H. J., Townsend, E. A. & Craik, J. (2007): Canadian Model of Occupational Performance and Engagement (CMOP-E). In: Townsend, E. A. & Polatajko, H. J. (Hrsg.): Enabling Occupation II: Advancing an Occupational Therapy Vision of Health, Well-being, & Justice through Occupation. Ottawa: CAOT Publications ACE, S. 22–36.
- CAOT (Hrsg.) (1997, 2. Aufl. 2002): Enabling Occupation: An Occupational Therapy Perspective. Ottawa: CAOT Publications ACE.
- CAOT: Introducing the CMOP-E. Occupational Therapy Now, Mai 2008. https://caot.in1touch.org/document/3899/OTNow_May_08.pdf
- Law, M., Baptiste, S., McColl, M., Opzoomer (Carswell), A., Polatajko, H. & Pollock, N. (1990): The Canadian Occupational Performance Measure: an outcome measure for occupational therapy. Canadian Journal of Occupational Therapy 57(2), 82–87.
- COPM Inc. (2019): COPM Measure, 5th Edition Revised. Produktbeschreibung CAOT (Bogen doppelseitig, Felder für Erst- und Wiederholungserhebung von Performanz- und Zufriedenheitswerten). https://caot.ca/client/product2/1511/item.html (abgerufen 10/2026)
- COPM Inc.: English COPM – Digital PDF Version (Bezug und Nutzungsbedingungen von Manual und Bogen). https://www.thecopm.ca/buy/english-copm-pdf/ (abgerufen 10/2026)
- Law, M. et al. (2019): Canadian Occupational Performance Measure, 5th Edition Revised. COPM Inc., ISBN 978-1-9995053-0-1. https://caot.ca/client/product2/393/item.html
- Law, M. et al. (2022, 6. überarbeitete Auflage 2023): COPM 5th Edition Revised. Deutsche Ausgabe, Übersetzung: Dehnhardt, B., George, S., Harth, A. Idstein: Schulz-Kirchner, ISBN 978-3-8248-1140-3.
- George, S. (2002): Praxishandbuch COPM. Neue Reihe Ergotherapie, Reihe 10, Band 8 (Hrsg. DVE). Idstein: Schulz-Kirchner, 1. Auflage, ISBN 3-8248-0503-0. Leseprobe: https://www.skvshop.de/shop/images/files/editor/file/downloads/281.pdf
- McColl, M. A., Boyer Denis, C., Douglas, K.-L., Gilmour, J., Haveman, N., Petersen, M., Presswell, B. & Law, M. (2023): A Clinically Significant Difference on the COPM: A Review. Canadian Journal of Occupational Therapy. DOI: 10.1177/00084174221142177
- COPM Inc.: COPM Responsiveness and Clinically Important Change. https://www.thecopm.ca/casestudy/responsiveness-of-the-copm/ (abgerufen 10/2026)