Klangschalen und auditive Wahrnehmung bei Kindern: Was die Evidenz hergibt — und was nicht
Die Frage nach Klangschalen und auditiver Wahrnehmung bei Kindern erreicht die Therapie selten über eine Fachzeitschrift. Sie kommt über einen Fortbildungsflyer, über ein Praxisprofil, das einen „ganzheitlichen Ansatz" ausweist, oder über Eltern, die von einem Klangangebot in der Kita berichten. In der Stunde sitzt dann ein Kind mit auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), einer Zielvereinbarung zur Sprachverarbeitung im Störgeräusch — und einer Erwartung, die daneben liegt. Der folgende Text sortiert, was zu Klangschalen tatsächlich untersucht ist, wo die Endpunkte der vorliegenden Studien liegen, was das für die Methodenwahl bei AVWS bedeutet und wie sich eine solche Entscheidung fachlich begründen lässt, statt sie über Bauchgefühl oder Außendarstellung zu klären.
Für Klangschalen gibt es keinen publizierten Nachweis, dass sie die bei einer AVWS beeinträchtigten auditiven Teilfunktionen verbessern — die vorliegenden Studien messen Angst, Stimmung, Schlaf und vegetative Parameter, keine Hörverarbeitung. „Kein Nachweis“ heißt dabei nicht „unwirksam“, sondern „nicht untersucht“ — diese Unterscheidung trägt den ganzen Text.
Warum die Frage nach Klangschalen überhaupt auf deinem Tisch landet
Wer fragt: Eltern, Kolleg:innen, Fortbildungsanbieter
Die Frage kommt aus drei Richtungen. Eltern bringen sie mit, weil das Angebot niedrigschwellig, angenehm und sichtbar wohltuend ist. Kolleg:innen bringen sie mit, weil ein Verfahren im Haus etabliert ist und niemand die Grundlage je zusammengetragen hat. Fortbildungsanbieter bringen sie mit, weil Klangarbeit als Zusatzqualifikation vermarktbar ist.
Dass AVWS für solche Angebote besonders anfällig ist, ist kein Zufall. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) hält selbst fest, dass nur wenige andere Störungsbilder von so unterschiedlichen Berufsgruppen mit so unscharf definierten Diagnosekriterien diagnostiziert und behandelt werden . Und sie stellt fest, dass für Diagnostik und Therapie eine Vielzahl von Vorgehensweisen empfohlen wird, von denen nicht alle der Überprüfung standhalten .
Was „ganzheitlich" in Praxisprofilen meint — und was es fachlich nicht beantwortet
„Ganzheitlich" ist eine Aussage über ein Selbstverständnis: Kind, Umfeld, Familie, Belastung werden mitgedacht. Das ist fachlich unstrittig und im ICF-Denken ohnehin angelegt. Der Begriff beantwortet aber keine der drei Fragen, die vor jedem Methodeneinsatz stehen: Welche Zielfunktion? Welcher Endpunkt? Womit gemessen? Ein Verfahren wird nicht dadurch wirksam, dass es in ein ganzheitliches Profil passt — und es wird nicht dadurch unwirksam, dass es dort steht. Die Prüfung bleibt dieselbe.
Was bei einer AVWS eigentlich beeinträchtigt ist
Die auditiven Teilfunktionen im Überblick
- Auditive Diskrimination — Unterscheidung akustisch ähnlicher Signale, im sprachlichen Bereich vor allem minimalpaarnaher Kontraste.
- Auditive Selektion — Herauslösen eines Zielsignals aus konkurrierendem Hintergrund; die alltagsrelevanteste Funktion, weil Unterricht fast nie ruhig ist.
- Auditive Lokalisation — Richtungs- und Entfernungszuordnung von Schallquellen.
- Auditive Merkspanne — Umfang kurzfristig behaltener auditiver Items.
- Auditive Sequenzierung — Ordnung von Items nach ihrer zeitlichen Abfolge.
Dazu kommt das dichotische Hören: die Verarbeitung zweier gleichzeitig, ohrgetrennt dargebotener Signale — Grundlage sowohl diagnostischer Verfahren als auch verschiedener Trainingsansätze.
Diagnostik vor Methode: Wer die Verdachtsdiagnose stellt und wer sie absichert
Die AVWS-Diagnose ist ärztlich, in der Regel pädaudiologisch oder phoniatrisch, und setzt eine abgeklärte periphere Hörfunktion voraus. Die Leitlinie adressiert Kinder und Erwachsene, bei denen ein Verdacht auf AVWS besteht oder bei denen eine solche diagnostiziert wurde und behandelt werden soll. Für die Abgrenzung gilt nach der DGPP-Fassung von 2010: Liegen die auditiven Defizite in einem breiteren Störungsbild, muss geprüft werden, ob sie einen bedeutsamen Schwerpunkt des Gesamtbildes einnehmen — nur dann sollte die Bezeichnung AVWS gewählt werden .
Praktisch heißt das: Ohne befundete Teilfunktionsprofile behandelst du eine Sammelbezeichnung. Und eine Sammelbezeichnung lässt sich mit jeder Methode plausibel bedienen — auch mit einer, die nichts mit auditiver Verarbeitung zu tun hat.
Woran du eine Methode messen musst, bevor du sie einsetzt
Fünf Schritte, die sich in zehn Minuten durchgehen lassen:
- Zielfunktion benennen — welche Teilfunktion soll sich verändern?
- Endpunkt festlegen — woran wäre die Veränderung erkennbar, und zwar unabhängig vom Eindruck in der Stunde?
- Messinstrument bestimmen — Testverfahren, Verlaufsbogen, Lehrer:innen-Rating; vor Beginn, nicht danach.
- Konfundierung prüfen — laufen parallel andere Einflüsse (Reifung, Schulförderung, Medikation, zweite Therapie), die dieselbe Veränderung erklären könnten?
- Erwartungseffekt einkalkulieren — Eltern, Kind und Therapeutin erwarten Wirkung; unverblindete Verlaufsbeobachtung erfasst diese Erwartung mit.
Diese fünf Schritte sind methodenneutral. Sie treffen Klangschalen genauso wie ein Störgeräuschtraining.
Was zu Klangschalen belegt ist — und was nicht
Was untersucht wurde: Fragestellungen, Stichproben, Endpunkte
Es liegen mehrere systematische Übersichtsarbeiten zu Klangschalen vor. Die früheste identifizierte vier begutachtete Studien, darunter eine zu Patient:innen mit metastasiertem Karzinom und eine zu chronischem Wirbelsäulenschmerz ; die Autor:innen halten fest, dass künftige Studien robustere Designs nutzen und Verzerrungen minimieren sollten . Eine aktuellere Übersicht schloss neunzehn klinische Studien aus acht Ländern, publiziert zwischen 2008 und 2024 , ein; die Populationen umfassen unter anderem ältere Menschen, chirurgische Patient:innen, Parkinson-Erkrankte, Schmerz, Onkologie, Schlafstörungen, Depression, Angst und Kinder , und die Ergebnisse waren heterogen — einige Studien zeigten deutliche Effekte, andere nicht, was auf Unterschiede in Design, Stichprobengröße und Intervention zurückgeführt wird . Eine dritte Übersicht wertete 14 quantitative Studien bei Erwachsenen ab 18 Jahren aus, mit psychologischen Endpunkten wie Angst und depressiver Symptomatik sowie physiologischen wie Herzratenvariabilität und Hirnstromaktivität .
Entscheidend ist nicht die Zahl der Studien, sondern die Endpunktlogik: Untersucht werden Befinden, Stress, Schlaf, Schmerz, autonome und elektrophysiologische Parameter. Untersucht werden nicht auditive Diskrimination, Selektion, Merkspanne, Sequenzierung oder dichotische Leistungen bei Kindern mit AVWS. Auch die häufig zitierte EEG-Untersuchung zu Klangschalen (Kim & Choi 2023) prüft keine auditive Verarbeitungsleistung: Stichprobe waren 17 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 25,2 Jahren.
Der häufigste Fehlschluss: Entspannung ist keine auditive Verarbeitung
Entspannung ist ein Zustand. Auditive Verarbeitung ist eine Leistung. Ein entspanntes Kind kann in derselben Stunde bessere Testwerte zeigen, ohne dass sich seine Selektionsleistung verändert hat — Anspannung, Aufmerksamkeit und Testmotivation beeinflussen jedes auditive Verfahren. Wer diesen Effekt als Verbesserung der auditiven Verarbeitung interpretiert, hat den Endpunkt gewechselt, ohne es zu bemerken.
Das ist kein Argument gegen Regulation. Es ist ein Argument dafür, sie als das zu dokumentieren, was sie ist.
Transferproblem: Wirkung im Therapieraum ist keine Wirkung im Klassenzimmer
Ein Transfereffekt liegt erst vor, wenn eine im Training verbesserte Leistung sich außerhalb der Übungssituation zeigt. Genau daran scheitern auditive Trainings regelmäßig — nicht nur Klangschalen. Eine Bewertung zu formalen auditiven Trainings bei Schulkindern mit auditiver Verarbeitungsstörung (Fey et al. 2011, DARE-Abstract) kommt zu dem Schluss, dass keine überzeugende Evidenz für Effekte auf auditive, sprachliche oder schulische Endpunkte vorliegt, und ordnet die Verlässlichkeit dieser Schlussfolgerung selbst als unsicher ein. Das ist die Messlatte, an der jede Methode zu messen ist — auch die etablierten.
Warum das Fehlen von Evidenz nicht dasselbe ist wie ein Wirksamkeitsausschluss
„Es ist nicht untersucht" heißt nicht „es wirkt nicht". Für Klangschalen bei kindlicher AVWS existiert schlicht keine Untersuchung, die die relevanten Teilfunktionen als Endpunkt geführt hätte. Daraus folgt keine Aussage über die Methode, sondern eine über die Begründungslast: Wer sie als Behandlung auditiver Teilfunktionen anbietet, kann sich nicht auf Studien berufen. Wer sie als Rahmen für Regulation oder Beziehungsaufbau einsetzt, muss sie auch so benennen — und braucht dafür ein eigenes, ehrliches Ziel im Bericht.
Übersicht: Verfahren bei AVWS nach Nachweislage
Die Spalte „Nachweislage" bezieht sich ausschließlich auf eine eng gefasste Frage: Ist belegt, dass das Verfahren die bei AVWS beeinträchtigten auditiven Teilfunktionen bei Kindern verbessert? Kein Eintrag lautet „belegt" — nicht weil die Verfahren gleichwertig wären, sondern weil die überprüfbare Studienlage für diese enge Frage bei keinem trägt.
| Verfahren | Zielfunktion laut Anbieter | Nachweislage | Einordnung für die Praxis |
|---|---|---|---|
| Klangschalen / Klangarbeit | „Öffnung der Wahrnehmung", Hörsensibilisierung | kein spezifischer Nachweis | Untersucht sind Befinden, Stress, Schlaf, autonome und EEG-Parameter — überwiegend bei Erwachsenen. Auditive Teilfunktionen bei Kindern mit AVWS sind kein Endpunkt der vorliegenden Arbeiten. |
| Störgeräuschtraining | Auditive Selektion | unklar | Höchste Alltagsnähe, weil Zielsituation und Übungssituation dieselbe Struktur haben. Gestuftes Signal-Rausch-Verhältnis dokumentieren, sonst ist kein Verlauf ablesbar. |
| Dichotisches Training | Binaurale Integration/Separation | unklar | Nur sinnvoll bei entsprechend befundetem Profil. Ohne pädaudiologischen Befund ist die Indikation nicht begründbar. |
| Phonologisches Training | Phonologische Bewusstheit, Schriftsprachanbahnung | unklar | Bezogen auf auditive Teilfunktionen unklar; als Brücke zur Schriftsprache trotzdem der Baustein mit der klarsten Zielformulierung. Endpunkt entsprechend schriftsprachlich wählen. |
| Umfeld- und Höranlagenmaßnahmen | Verbessertes Nutzsignal im Unterricht | unklar | Wirkt an der Ursache der Alltagsbelastung, nicht an der Funktion. Verordnung und Anpassung liegen außerhalb der Heilmitteltherapie. |
| Hörwahrnehmungs-Trainingssoftware | Diskrimination, Merkspanne, Sequenzierung | unklar | Programmintern messbare Zuwächse sind kein Transfernachweis. Externen Endpunkt vorher festlegen. |
Was stattdessen in die Stunde gehört
Auditive Selektion: Störgeräuschtraining mit gestuftem Signal-Rausch-Verhältnis
Das Signal-Rausch-Verhältnis beschreibt den Pegelabstand zwischen Zielsignal und Störgeräusch. Es ist der einzige Parameter, über den sich Schwierigkeit sauber steuern lässt. Praktisch: dieselbe Aufgabe über mehrere Sitzungen mit definiert kleiner werdendem Abstand, Störgeräusch nach Art getrennt notieren (Rauschen, Sprachgemisch, Klassenraumgeräusch), Ergebnis pro Stufe dokumentieren. Ohne Notation ist die Stunde nicht rekonstruierbar — für dich nicht und für Kolleg:innen erst recht nicht.
Auditive Merkspanne und Sequenzierung: Aufgaben mit kontrolliert steigender Itemzahl
Itemzahl schrittweise steigern, Material konstant halten. Wechselst du gleichzeitig Itemzahl und Materialart, weißt du hinterher nicht, worauf eine Veränderung zurückgeht. Für Sequenzierung eignen sich Reihenfolgeaufgaben mit anschließender Reproduktion in gleicher und in umgekehrter Ordnung — der Unterschied zwischen beiden ist diagnostisch informativer als der Absolutwert.
Phonologische Bewusstheit als Brücke zur Schriftsprache
Phonologische Bewusstheit ist die Fähigkeit, sprachliche Einheiten unabhängig von ihrer Bedeutung zu analysieren. Sie ist der Bereich, in dem sich AVWS-Auswirkungen am ehesten in Schulleistungen niederschlagen — und der Bereich mit den am klarsten formulierbaren Zielen. Aufgaben zur Silben- und Phonemebene gehören deshalb in die Zielhierarchie, auch wenn der Auftrag „auditive Wahrnehmung" lautet.
Umfeldmaßnahmen: Sitzposition, Raumakustik, Beratung zu Höranlagen
Sitzposition nah an der Sprecherin und mit Blick ins Klassenzimmer, Nachhall reduzieren, Blickkontakt vor Ansprache, Arbeitsaufträge zusätzlich schriftlich. Zu Höranlagen berätst du nicht abschließend, sondern verweist an die pädaudiologische Stelle. Diese Maßnahmen kosten wenig Therapiezeit und verändern die Belastung im Alltag oft deutlicher als eine zusätzliche Übungsserie.
Wenn Eltern Klangschalen mitbringen
Den Wunsch ernst nehmen, ohne die Methode zu bestätigen — drei Formulierungen
- „Ich verstehe gut, dass Ihnen das Angebot gefallen hat. Für das, was wir hier behandeln — Verstehen im Störgeräusch —, gibt es dazu keine Untersuchungen. Deshalb arbeite ich daran mit anderen Mitteln weiter."
- „Dass Ihr Kind dabei ruhiger wird, glaube ich Ihnen. Ruhe ist etwas anderes als besseres Heraushören. Beides ist wichtig, aber wir dürfen es nicht verwechseln."
- „Ich kann Ihnen nicht sagen, dass es hilft, und ich kann Ihnen auch nicht sagen, dass es schadet. Ich kann Ihnen sagen, woran wir hier den Fortschritt messen."
Die dritte Formulierung ist die belastbarste, weil sie die Nachweislage korrekt wiedergibt, ohne eine Bewertung zu behaupten, die die Studienlage nicht hergibt.
Wann ein Verfahren als flankierendes Angebot vertretbar ist und wann nicht
Vertretbar, wenn es als das benannt wird, was es ist, wenn es keine Therapiezeit von der befundeten Zielfunktion abzieht und wenn kein Wirkversprechen an Eltern geht. Nicht vertretbar, wenn es als Behandlung der auditiven Verarbeitung dokumentiert oder Eltern gegenüber so dargestellt wird. Der Unterschied liegt nicht im Material, sondern im Etikett.
Methodenentscheidungen sind Teamfragen, keine Einzelfragen
Warum bei AVWS die Grenze zwischen Logopädie und Ergotherapie mitten durch den Fall läuft
Ein Kind mit AVWS bringt oft mehrere Baustellen mit: Aufmerksamkeitsregulation, Reizverarbeitung, Handlungsplanung, Schriftsprache. Die Zuständigkeiten liegen dann bei zwei Berufsgruppen gleichzeitig, und ausgerechnet die schwer trennbaren Anteile — Aufmerksamkeit versus auditive Selektion, Regulation versus Verarbeitung — sind die, an denen sich unspezifische Methoden anlagern. Ein kurzer Abgleich zwischen Logo und Ergo trennt sie schneller als jede Einzelrecherche.
Was ein kurzer kollegialer Abgleich ersetzt
Zehn Minuten Fallbesprechung mit einer Kollegin ersetzen in der Regel: einen halben Fortbildungstag, zwei Abende Literatursuche und die dritte Runde Bauchgefühl. Nicht weil Kolleg:innen die Studienlage besser kennen, sondern weil eine zweite Person die Frage schneller auf Zielfunktion und Endpunkt zurückführt.
Vier Fragen, an denen du erkennst, wie eine Praxis Methoden begründet
- Wo werden Zielfunktion und Endpunkt eines Falls festgehalten — und wer liest das?
- Gibt es ein festes Format für Fallbesprechungen, oder passiert das zwischen Tür und Angel?
- Wie wird entschieden, ob ein neues Verfahren eingeführt wird?
- Arbeiten Ergo und Logo bei geteilten Fällen strukturiert zusammen, und wie?
Die Antworten sagen mehr über die fachliche Kultur aus als jede Methodenliste auf einer Website.
FAQ
Darf ich Klangschalen einsetzen, wenn ein Kind sichtbar davon profitiert?
Das ist eine Frage der Zielformulierung, nicht der Erlaubnis. Wenn du beobachtest, dass ein Kind in der Stunde ruhiger wird, dokumentiere genau das — als Regulation, nicht als Fortschritt der auditiven Verarbeitung. Problematisch wird es, wenn der beobachtete Effekt einem Ziel zugeschrieben wird, für das es keine Untersuchung gibt.
Wie unterscheide ich einen Entspannungseffekt von einer Verbesserung der auditiven Verarbeitung?
Über zeitliche Distanz und externe Endpunkte. Ein Regulationseffekt ist unmittelbar und situationsgebunden. Eine veränderte Verarbeitungsleistung zeigt sich auch in einer anderen Sitzung, mit anderem Material und idealerweise in einer Rückmeldung aus dem Unterricht.
Was sage ich, wenn eine Methode im Praxisprofil steht, die ich fachlich nicht einordnen kann?
Die sachlichste Form ist die Rückführung auf den Einzelfall: Für welche Zielfunktion soll das Verfahren bei diesem Kind stehen, und woran soll der Verlauf abgelesen werden? Diese Frage lässt sich beantworten oder nicht — und beides ist eine fachliche Information, keine Positionierung.
Wer stellt die AVWS-Diagnose — und was mache ich, wenn sie fehlt?
Die Diagnose ist ärztlich, in der Regel pädaudiologisch oder phoniatrisch. Fehlt sie, behandelst du das, was befundet ist — Sprachverständnis, phonologische Bewusstheit, Merkspanne — und dokumentierst deine Beobachtungen so, dass sie in einer weiterführenden Diagnostik verwertbar sind.
Fazit
Für Klangschalen gibt es bei kindlicher AVWS keinen Nachweis auf den auditiven Teilfunktionen — untersucht sind andere Endpunkte, überwiegend bei Erwachsenen. Das ist kein Urteil über die Methode, sondern eine Aussage über die Beweislage: Wer sie einsetzt, kann sich nicht auf Studien stützen und sollte sie deshalb nicht als Behandlung auditiver Verarbeitung führen. Praktisch folgt daraus wenig Dramatik und viel Handwerk: Zielfunktion benennen, Endpunkt vorher festlegen, Verlauf dokumentieren, Konfundierung und Erwartungseffekt mitdenken. Und den Abgleich mit einer Kollegin suchen, bevor die Frage zum dritten Mal abends im Kopf hängt.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP): S1-Leitlinie „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)", AWMF-Registernummer 049-012, Version 5.0, Stand 30.09.2019, gültig bis 29.09.2024 . https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-012.html — Abruf: 07.08.2026. Die Gültigkeit ist abgelaufen; eine neuere Fassung war zum Abrufdatum nicht auffindbar. Prüfe vor Verwendung, ob zwischenzeitlich eine Aktualisierung vorliegt.
- AWMF: Meldung zur Veröffentlichung der S1-Leitlinie 049-012 ( Hinweis, dass eine Vielzahl von Therapien empfohlen wird und nicht alle einer Überprüfung standhalten ). https://www.awmf.org/service/awmf-aktuell/auditive-verarbeitungs-und-wahrnehmungsstoerungen-avws — Abruf: 07.08.2026.
- DGPP: Leitlinie „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen", AWMF 049/012, Fassung 05/2010, Kapitel I (Definition/Abgrenzung, u. a. Kriterium des „bedeutsamen Schwerpunkts" ). Volltext-Spiegelung: https://web.ukm.de/fileadmin/ukminternet/daten/kliniken/phoniatrie/I_S1_Leitlinie_AVWS_2010.pdf — Abruf: 07.08.2026.
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