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Bewerbung ohne Praxiserfahrung: So erkennst du eine verlässliche erste Stelle

Fehlende Berufsjahre schließen dich nicht von einer vollen Stelle aus — entscheidend ist, ob eine Praxis ein konkretes Einarbeitungskonzept hat und im Bewerbungsprozess klar zu einer festen Stundenzahl steht. Beides lässt sich vor der Unterschrift gezielt prüfen.

Warum sich viele Berufseinsteiger:innen vom Stellenmarkt ausgeschlossen fühlen

Wer kurz vor dem Abschluss Anzeigen durchsieht, trifft häufig auf Formulierungen wie „Teilzeit oder Minijob – alles darf, nichts muss" oder „Stundenzahl nach Absprache". Belastbare Zahlen dazu, welcher Anteil der ausgeschriebenen Stellen in Ergotherapie und Logopädie so zugeschnitten ist, liegen nicht vor — wer Anteile nennt, schätzt. Der Eindruck entsteht trotzdem, und er ist nicht neu.

Was sich belegen lässt, ist die Gegenrichtung: Zu den Berufen mit den stärksten Engpässen zählten auch 2024 weiterhin vor allem Pflege- und Gesundheitsberufe — so die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (Datenjahr 2024, veröffentlicht Mai 2025). Ein Markt mit Besetzungsschwierigkeiten kann sich langfristig kaum leisten, Absolvent:innen auszusortieren. Zur Einordnung des Gefühls „der Markt lässt mich nicht rein" lohnt der Faktencheck zum Arbeitsmarkt.

Was Arbeitgeber bei Berufseinsteiger:innen wirklich prüfen

Warum Berufsjahre nicht das entscheidende Kriterium sind

Berufserfahrung ist ein Näherungswert für etwas anderes: dafür, wie schnell jemand eigenständig Behandlungen übernehmen und dokumentieren kann. Ohne Berufsjahre wird dieselbe Frage über andere Signale beantwortet — über Praktika, über die Art, wie du einen Fall schilderst, über deine Fragen zur Befundpraxis. Dass Betriebe bei der Besetzung beweglicher werden, zeigt auch die Arbeitsmarktforschung: Das IAB berichtete unter dem Titel „Fast sechs von zehn Betrieben gingen im ersten Halbjahr 2024 Kompromisse bei der Einstellung von Fachkräften ein" (IAB-Forum, 10.12.2025).

Welche Signale tatsächlich zählen

Konkret prüfbar sind: Welche Störungsbilder hast du im Praktikum gesehen, welche Verfahren kennst du aus der Anwendung, wie gehst du mit einem Befund um, den du nicht einordnen kannst. Wer sagt „das kenne ich noch nicht, so würde ich es mir erarbeiten", wirkt belastbarer als wer Sicherheit vortäuscht.

Woran du in der Stellenanzeige eine seriöse Einstiegsstelle erkennst

Eine Anzeige ist ein Dokument mit Signalwirkung: Was eine Praxis nicht hineinschreibt, hat sie meist auch intern nicht festgelegt.

Kriterium Gutes Signal Warnsignal
Stundenzahl feste Wochenstunden genannt „nach Bedarf", „flexibel"
Einarbeitung Ablauf und Dauer beschrieben nicht erwähnt
Ansprechperson Name plus Durchwahl nur Kontaktformular
Erfahrungsanforderung „idealerweise", „gerne auch Berufseinstieg" „zwingend X Jahre"
Vertragsform unbefristet oder Befristung benannt offen gelassen

Die Stundenzahl ist dabei kein Detail, sondern eine gesetzlich geregelte Vertragsbedingung.

Wird Arbeit auf Abruf vereinbart, muss die Vereinbarung eine bestimmte Dauer der wöchentlichen und täglichen Arbeitszeit festlegen; ist die Wochenarbeitszeit nicht festgelegt, gilt eine Arbeitszeit von 20 Stunden als vereinbart (§ 12 Abs. 1 TzBfG, Fassung vom 20.07.2022; Stand: September 2026).

Das Bundesarbeitsgericht hat diese Fiktion bestätigt: Eine abweichende Wochenarbeitszeit kann nur dann im Wege ergänzender Vertragsauslegung angenommen werden, wenn die Fiktion im betreffenden Arbeitsverhältnis keine sachgerechte Regelung ist und objektive Anhaltspunkte für eine andere Bestimmung vorliegen.

Praktische Folge: „Stundenzahl nach Bedarf" ist keine flexible Zusage, sondern eine Lücke, die das Gesetz füllt — mit einem Wert, der für eine Existenzgrundlage in der Regel nicht reicht. Das ist eine allgemeine Einordnung der Rechtslage, keine Rechtsberatung für deinen konkreten Vertrag; Vorgaben können sich geändert haben.

Was du im Vorstellungsgespräch fragen kannst, um Verlässlichkeit zu prüfen

Fragen zur Einarbeitung

Frag nicht, ob es eine Einarbeitung gibt — frag nach Struktur. Wie viele Wochen sind vorgesehen? Hospitierst du zu Beginn mit, und bei wem? Ab wann behandelst du eigene Patient:innen, und wie viele Termine stehen in der ersten Woche im Plan? Gibt es eine feste Ansprechperson für fachliche Rückfragen, und ist deren Zeit dafür im Dienstplan hinterlegt? Wer das konkret beantworten kann, hat ein Konzept; wer auf „das machen wir individuell" ausweicht, meist nicht. Woran sich ein tragfähiges Einarbeitungskonzept im Alltag erkennen lässt, steht ausführlich im Artikel zur Einarbeitung beim Berufseinstieg.

Fragen zur Stundenzahl und Vertragsform

Stell die Frage direkt: Wie viele Wochenstunden stehen im Vertrag, und steht diese Zahl auch dort? Sind die Stunden befristet reduziert, bis der Terminkalender voll ist? Was passiert, wenn kurzfristig Behandlungen ausfallen — trägst du das Ausfallrisiko über die Arbeitszeit mit?

Vor der Unterschrift geklärt haben:

Feste Wochenstundenzahl im Vertragstext, nicht nur mündlich. Dauer und Ablauf der Einarbeitung. Name der fachlichen Ansprechperson. Befristung: ja/nein und mit welchem Grund. Umgang mit Terminausfällen.

Hilfreich ist zu wissen, dass die wesentlichen Vertragsbedingungen ohnehin dokumentiert werden müssen: Der Arbeitgeber hat die wesentlichen Vertragsbedingungen des Arbeitsverhältnisses innerhalb der gesetzlichen Fristen niederzulegen, die Niederschrift zu unterzeichnen und dem Arbeitnehmer auszuhändigen (§ 2 Abs. 1 NachwG). Die Niederschrift kann in Textform abgefasst und elektronisch übermittelt werden, sofern das Dokument zugänglich, speicher- und ausdruckbar ist und der Arbeitgeber zu einem Empfangsnachweis auffordert — diese Erleichterung gilt durch das Bürokratieentlastungsgesetz IV seit dem 1. Januar 2025 (Stand: September 2026). Tiefer in Vertrags- und Arbeitszeitmodelle führt der Beitrag zu Arbeitsvertrag und Arbeitszeitmodellen.

Was du ohne Praxiserfahrung in die Bewerbung einbringen kannst

Praktika gehören nicht als Zeile in den Lebenslauf, sondern als Inhalt: Setting, Altersgruppe, Störungsbilder, welche Verfahren du dort angewandt oder beobachtet hast. Eine Abschlussarbeit mit Praxisbezug ist ein fachliches Argument, wenn du sie in zwei Sätzen auf den Punkt bringst — Fragestellung, Methode, was du daraus für die Behandlung mitnimmst. Nenne außerdem, in welche Richtung du dich fortbilden willst und warum; das beantwortet die Frage nach Lernbereitschaft konkreter als jede Selbstbeschreibung. Und formuliere, was du noch nicht kannst — das nimmt dem Gespräch die Schieflage und macht die Frage nach der Einarbeitung zu deiner.

FAQ

Kann ich mich ohne Praxiserfahrung auf eine Vollzeitstelle bewerben?

Ja. Eine Anzeige ohne Erfahrungsanforderung oder mit der Formulierung „idealerweise" ist ausdrücklich offen für den Berufseinstieg. Auch bei „einschlägiger Erfahrung erwünscht" lohnt die Bewerbung — entscheidend ist, ob die Praxis Einarbeitung leisten kann.

Zählt ein Praktikum als Berufserfahrung?

Nicht als Berufsjahr im vertraglichen Sinn, aber als fachliches Argument. Beschreibe Setting und Störungsbilder statt der reinen Dauer.

Woran erkenne ich eine Stellenanzeige ohne feste Stundenzahl?

An Formulierungen wie „nach Bedarf", „flexibel" oder „Stundenzahl nach Absprache" ohne Zahl. Frag im Erstkontakt nach der Zahl, die im Vertrag stehen wird.

Was, wenn eine Praxis im Gespräch keine Einarbeitung erwähnt?

Dann frag nach Ablauf, Dauer und Ansprechperson. Kommen darauf nur allgemeine Zusagen, ist das ein Hinweis darauf, dass es kein Konzept gibt.

Ist eine befristete erste Stelle ein schlechtes Zeichen?

Nicht zwangsläufig — etwa bei einer Elternzeitvertretung. Wichtig ist, dass Grund und Dauer benannt werden und die Stundenzahl davon unberührt feststeht.

Fazit

Die Bewerbung ohne Praxiserfahrung scheitert selten an den fehlenden Jahren und häufiger daran, dass unklare Angebote unwidersprochen bleiben. Zwei Punkte entscheiden über die Verlässlichkeit einer Einstiegsstelle: eine im Vertrag festgeschriebene Stundenzahl und eine Einarbeitung, die jemand in Wochen, Namen und Terminen beschreiben kann. Beides ist vor der Unterschrift erfragbar — und die Antwort darauf sagt mehr über eine Praxis aus als jede Anzeige.

Quellen

melius Redaktion

Fachlich geprüft von Nadja Ehret, Klinische Linguistin & staatlich anerkannte Logopädin